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Blinde im Internet in Bulgarien

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BLiCK ist ein Mobilitätsprojekt im Rahmen des EU-Programms Leonardo da Vinci. Es begründet eine Partnerschaft zwischen dem Berufsförderungswerk Würzburg gGmbH und dem National Rehabilitation Center for the Blind in Plovdiv in Bulgarien.


Blinde im Internet in Bulgarien

Ermina Stojanova in: Kompjutri, VI/42, S. 9
Übersetzung: Beate Ströhlein

Vor zwei Jahren beschloss der Europarat in Madrid, das Jahr 2003 zum Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderungen zu erklären

Am 15. Oktober ist der internationale Tag des Weißen Stockes, der in diesem Jahr bei uns zufällig in großer zeitlicher Nähe zu den Kommunalwahlen liegt. Einerseits ist es traurig, dass sich die Aufmerksamkeit nur dadurch den Blinden zuwendet, auch wenn diese davon irgendwann einmal einen Nutzen haben könnten; aber andererseits bietet diese Situation auch die Möglichkeit, auf technische Probleme hinzu-weisen.

Nach Auskunft der Pressestelle der Kliment-Ochridski-Universität studieren dort ungefähr 30 vollblinde und etwa 100 sehbehinderte Studenten. Diese Zahlen mögen zu niedrig erscheinen als dass man ihnen große Aufmerksamkeit widmen müsste, aber für Blinde und Menschen mit anderen Behinderungen bringt das Internet eine weitaus größere Erweiterung ihres persönlichen Freiraumes als für uns gesunde Benutzer. Denken wir an die Bedürfnisse aller Benutzer des Internet, wenn wir Websites entwerfen oder interaktive Anwendungen für einen Computerclub oder einen Online-Shop?

Der einzige gut ausgestattete Raum, in dem man Computer und Internet frei nutzen kann, befindet sich bei uns in der Stiftung Horizonte. Ihre Zielsetzung ist es, zeitgemäße technische Hilfsmittel für blinde Stundenten zu beschaffen und ihnen mit dieser Hilfe den Zugang zu elektronischer Information zu ermöglichen. Aus einem Projekt, für das die Vereinigung holländischer Stiftungen zur Mitarbeit gewonnen werden konnte, entstand der erste Computerclub in Bulgarien, der von Studenten und EDV-Fachleuten gemeinsam eingerichtet wurde. Er ist ausgestattet mit fünf Computern, Scanner, Braillezeile und den meistverbreiteten Sprachausgaben unter MS DOS und MS Windows.

Die Studierenden können hier frei im Internet surfen, ihre Kursarbeiten erstellen, Emails bearbeiten oder auch eigene Internetseiten einrichten. Im vergangenen Jahr starteten das Projekt "Bibliothek für alle" mit Unterstützung des Zentrums für unabhängiges Leben in Sofia Nowib und das Programm MATRA des holländischen Außenministeriums zur Umsetzung gedruckter Lehrbücher in elektronische Form, in der sie auch von Blinden benutzt werden können. Innerhalb eines Jahres wurden bereits 300 Titel bearbeitet, und es stehen noch einmal so viele auf der Liste. Eine Schwierigkeit besteht darin, dass die Stiftung um die Qualität des Projekts zu sichern verlangt, dass spezialisierte Mitarbeiter angestellt werden und nicht einfach Sehbehinderte, die über Vorkenntnisse verfügen.

Chusain Ismail von der Stiftung erläutert, dass die Probleme hauptsächlich zwei Gründe haben: erstens das Fehlen einer bulgarischen Sprachausgabe unter Windows und zweitens die Nichtbeachtung der Regeln für einen barrierefreien Zugang beim Aufbau von Websites.

Der Preis für ein Windowspaket für Blinde liegt bei 795 Dollar, unerschwinglich für die behinderten jungen Leute in Bulgarien. Daher hat die Regierung in diesem Jahr 15.000 Dollar aus ihrem Budget für die Erstellung einer bulgarischen Version von Windows Jaws zur Verfügung erstellt, die in den nächsten Tagen auf den Markt kommen soll. Gleichzeitig gewährt der Staat 100 Kleinkredite von 10.000 Leva für Leute, die ihr eigenes Geschäft gründen wollen.

Anwender mit eingeschränktem Sehvermögen gibt es im Internet schon seit den Zeiten des WWS. Einer der ersten User im bulgarischen Internet war Viktor Ljubenov. Er und Snejina Gileva waren daran beteiligt, dass der erste bulgarische Text - ein Teil des Werkes von Botev - in die Weltbibliothek Gutenberg eingestellt wurde. Die erste blinde Frau im Web war Daniela Dimitrova, die im Jahr 1993 in den USA Kurse in Informatik und Betriebswirtschaft belegte.

Die am häufigsten besuchten Seiten sind jene, die wenige oder gar keine Flash- und Frame-Effekte haben, da solche nicht angezeigt werden können. Das einzige Mailprogramm, welches einen problemlosen Zugang bietet, ist das auf der Seite von Econ.bg. Portale erweisen sich mehr oder weniger zufällig für Blinde geeignet, wie etwa das am häufigsten gewählte dir.bg. Sehr gut aufgebaut ist die Seite von MTEL, von der aus man sogar SMS verschicken kann. Auch ein Webshop ist für sehbehinderte User erreichbar: ramstore.bg.

Zwei grundlegende Techniken ermöglichen Blinden die Arbeit mit moderner Infor-mationstechnologie und speziell mit Computern und Internet: eine Sprachausgabe, synthetisch im Computer erzeugt, welche die Rolle eines Vorlesers übernimmt (speech output) und die Braillezeile, ein Peripheriegerät, auf dem der Bildschirminhalt Zeile für Zeile in Punktschrift wiedergegeben wird. Bei uns hören Sehbehinderte häufiger die Texte an und surfen auf diese Weise auch im Internet.

Die Zugangsprogramme, welche benutzt werden, sind NetTamer, Terminate und LYNX. Unter der Adresse 123.dir.bg finden sich weitere Angaben dazu.

Computer wurden für blinde Bulgaren Ende der 80er Jahre zugänglich, als die erste bulgarische Sprachausgabe auf den Markt kam. Aber von deren Erfindung bis zu ihrer Anwendung vergingen zehn Jahre; Grund dafür war der langsame technologische Fortschritt im Land. Programmierer war Borislav Zachariev, der das Produkt für einen PRAVEZ 8C entwarf. 1995 entwickelte Toros Chovanesjan das Programm weiter und baute eine sehr annehmbare englische Sprachausgabe ein.

Zur gleichen Zeit passte Chusain Ismail das von ihm entworfene Programm Echo der Arbeit unter DOS an, womit ein riesiger Schritt vorwärts getan wurde in Richtung auf eine Kommunikation zwischen Blinden und ihrer Umgebung.

Es handelt sich um eine Screen Reader Software, die den Zugang zu praktisch allen im Textmodus gestalteten Seiten ermöglicht. Beim Schreiben spricht die synthetische Stimme jede gedrückte Taste mit; bei Lesen kann der Benutzer wählen zwischen wortweiser oder zeilenweiser Ausgabe oder auch die Menüsteuerung benützen. Ausgenommen sind hier nur Fälle, bei denen Systemmeldungen in Softcursor gesteuerten Feldern erscheinen. Ansonsten lässt sich die Software sehr leicht für alle Anwendungen anpassen, die im Textmodus arbeiten.

Daniela Dimitrova brachte 1993 bei ihrer Rückkehr aus den USA das webbasierte Programm NetTamer mit, dessen Vorteil darin liegt, dass es nicht nur mit dem Pravez 16, sondern auch mit allen anderen aktuellen Computerkonfigurationen arbeiten kann. Gleichzeitig bot sich nun auch die Möglichkeit, http, ftp, Telnet, POP3, SMTP, IRC und andere Anwendungen zu nutzen. IRC wird aber deswegen selten genutzt, weil es gebührenpflichtig ist und sich keine Sponsoren dafür finden. Ein weitere Nachteil von NetTamer ist, dass es nur mit einem dial-up Zugang arbeitet.

Aber auf welche Probleme auch immer sie treffen, die blinden jungen Leute geben nicht auf und verlieren vor allem nicht den Wunsch, auch untereinander mittels Maus und Tastatur zu kommunizieren.

Abschließend möchte ich Viktor Ljubenov zuu Wort kommen lassen, der in einem im ABC design erstellen Ezine (www.abcbg.com/ezine) sagt: "Immer wieder bin ich bei den Leuten, die Internetseiten erstellen, mit meinem Anliegen auf Verständnis gestoßen, was mir die Hoffnung gibt, dass das Internet, trotz all seiner Kommerzialisierung, auch ein Platz des guten Willens bleiben kann, ein Raum für Freiheit, gegenseitiges Verstehen und viele andere solcher schöner Bedürfnisse :-). Ich will gar nicht erst ausführlich erläutern, welche außerordentliche Bedeutung für blinde Menschen die Möglichkeit hat, mittels des Computers lesen und schreiben zu können, Email zu nutzen und im Internet zu surfen. Jeder, der nur ein wenig Phantasie hat, kann es sich vorstellen."


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