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Presseartikel-Archiv

Ältere Presseberichte aus dem BFW Würzburg

Am BFW Würzburg die Selbstständigkeit wiedererlangt
Als erste blinde Absolventin erwirbt Barbara Mergenthaler den Wirtschaftsführerschein
Positionen & Profile Winter 2005

Barbara Mergenthaler wohnt im unterfränkischen Himmelstadt. Himmelstadt? "Richtig. Der Ort, in dem das Christkind wohnt und in der Adventszeit tausende Kinderbriefe eingehen" erläutert die agile 52-Jährige und schmunzelt.

Foto Barbara Mergenthaler

Allzu gut meinte es Himmelstadts bekanntester Einwohner mit der selbstständigen Landschaftsarchitektin in den letzten Jahren nicht. "Ab 1995 wurden meine Augen immer schlechter, Ende 2001 war ich so gut wie blind und musste erkennen, dass ich meinen geliebten Beruf als selbst-ständige Landschaftsarchitektin nicht mehr länger ausüben kann." Erst zu diesem Zeitpunkt können ihr auch die Ärzte eine verbindliche Diagnose ihrer Augenerkrankung geben: Barbara Mergenthaler hat eine Stäbchen-Zäpfchen-Dystrophie, die sich nicht heilen lässt.

Eine niederschmetternde Nachricht, doch bald gibt es Licht am Ende des Tunnels. Über das Arbeitsamt, die heutige Agentur für Arbeit, kommt sehr schnell der Kontakt zum Berufsförderungwerk (BFW) Würzburg zustande. In der Bildungseinrichtung, die auf die berufliche Wiedereingliederung von blinden und sehbehinderten Erwachsenen spezialisiert ist, erlernt die gebürtige Mittelfränkin schon 2002 die Punktschrift. "Eine ganz wichtige Erfahrung" weiß sie heute. "Im BFW ist man mit seiner Sehbehinderung nicht allein, sondern einer von vielen". Und noch ein Erfolgserlebnis gibt ihr Auftrieb: "Ab dem Zeitpunkt, an dem ich wieder selbstständig Bücher in Blindenschrift lesen konnte, wusste ich, jetzt geht es weiter..."

Nach dem einjährigen Punktschriftkurs entscheidet sich die Mutter von fünf Kindern, die nebenbei auch mal kurz mit dem Tandem nach Straßburg radelt, für die zweijährige BFW-Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten. Diese hat sie mittlerweile mit guten Ergebnissen abgeschlossen. Im Mittelpunkt steht während dieser arbeitsintensiven Zeit immer - Blindheit hin oder her - der tägliche Umgang mit dem PC. "Als Blinder nutzt man den Computer mit Hilfe der sogenannten Braillezeile" erklärt die frischgebackene Absolventin. Die Braillezeile ist eine elektronische Punktschriftzeile, die unterhalb der normalen Tastatur angebracht ist und dem Blinden den Bildschirminhalt in Punktschrift abbildet. "Zusätzlich greife ich auch immer wieder auf die Sprachausgabe zurück, die den Bildschirminhalt laut vorliest" ergänzt Barbara Mergenthaler und setzt zu diesem Zweck ihren kleinen Kopfhörer auf. Die Eingabe von Texten ist problemlos, dies erledigt sie routiniert über die ganz normale Tastatur.

Als sei das nicht genug, erwirbt die studierte Landschaftspflegerin zeitgleich zur anspruchsvollen Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten im September 2005 als erste blinde Absolventin Deutschlands den Europäischen Wirtschaftsführerschein. "Arbeitgeber sollen bei meinen Bewerbungen auf den ersten Blick erkennen, dass ich hochmotiviert und leistungsfähig bin" begründet sie den ehrgeizigen Schritt und ergänzt selbstbewusst: "Viele Personalchefs können sich einfach nicht vorstellen, dass man als blinder Mensch selbstständig arbeitet und einen richtig guten Job machen kann".

Eine These, die Elsbeth Hamberger vom Arbeitsmarktservice (AMS) des BFW Würzburg bestätigen kann. Sie kennt allerdings auch den Umkehrschluss: "Sind die ersten Berührungsängste einmal überwunden, zeigen sich die Personalverantwortlichen durchweg begeistert von der hohen Qualifikation unserer Absolventen". Ein erster Schritt hierzu sind Praktika, die beiden Seiten die Möglichkeit geben, sich näher kennen zu lernen. Wichtig dabei: Für die notwendige Arbeitsplatzausstattung wie Braillezeile oder Sprachausgabe entstehen dem Arbeitgeber keinerlei Kosten. Im Gegenteil: "Um Hemmschwellen abzubauen, gibt es bei der Übernahme von sehbehinderten oder blinden Arbeitnehmern sogar staatliche Eingliederungszuschüsse" betont Hamberger.

Für Barbara Mergenthaler beginnt nun die nicht minder schwierige Bewerbungsphase. In ihren Unterlagen betont sie, dass sie sich mit dem verbliebenen Sehrest und einem ausgeprägten Ordnungssinn an ihrem Arbeitsplatz ohne fremde Hilfe orientieren kann. "Mein Traum wäre es, wenn ich in meinem neuen Beruf wieder mit Menschen zu tun habe und die Kenntnisse aus meiner Tätigkeit als Landschaftsarchitektin miteinbringen kann" erzählt sie. "Ich bin aber auch offen für jede andere Aufgabe am Computer".

Damit dieser Wunsch in Erfüllung geht, könnte Barbara Mergenthaler einen Brief ans Himmelstädter Christkind schreiben. Vielleicht kann sie sich die Mühe auch sparen. Alles, was es dazu braucht, ist ein vorurteilsfreier Personalchef im Raum Unterfranken, der diesen Bericht liest und Barbara Mergenthaler zu einem Vorstellungsgespräch einlädt....

Sie möchten einem hochqualifizierten blinden oder sehbehinderten BFW-Absolventen eine berufliche Perspektive bieten? Nähere Informationen über Eingliederungsmöglichkeiten und -zuschüsse erhalten Sie direkt von BFW-Expertin Elsbeth Hamberger unter Telefon 0931 9001-833 oder per eMail an hamberger@bfw-wuerzburg.de.



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