Sprungnavigation
Von hier aus können Sie direkt zu folgenden Bereichen springen:

Herzlich willkommen im Berufsförderungswerk Würzburg

Presseartikel-Archiv

Ältere Presseberichte aus dem BFW Würzburg

Fit für den Alltag
BFW Würzburg lehrt auch lebenspraktische Fertigkeiten und Mobilität
fundus 7/2005

"Kochen, Nähen und Waschen können auch blinde oder sehbehinderte Menschen" betonen die Lehrkräfte Ursula Lode, Christiane Heillos und Astrid Adam. Sie unterrichten "lebenspraktische Fähigkeiten" (LPF) am Berufsförderungswerk Würzburg. Das Bildungszentrum mit Sitz in Veitshöchheim eröffnet blinden und sehbehinderten Erwachsenen neue berufliche Chancen in Büro-, Verwaltungs- und Industrieberufen.

Foto der Teilnehmer beim Kochen

Doch die berufliche Qualifizierung der rund 250 Rehabilitanden ist nicht alles. "Was nutzt die beste Berufsausbildung, wenn man im Alltag nicht zurecht kommt?" möchte die stark sehbehinderte BFW-Teilnehmerin Urszula Kehrer die wöchentlich vier Stunden LPF-Unterricht nicht missen und der nahezu blinde Denis Reichelt ergänzt: "Spaß macht es uns übrigens auch jede Menge". In der Tat sind Erfolgserlebnisse im LPF-Unterricht an der Tagesordnung.

In kleinen Gruppen werden beim Kochen, Bügeln, Putzen, Werken usw. wichtige Aktivitäten des täglichen Lebens eingeübt. DieTeilnehmer trainieren so Tastsinn, Gehör und Restsehvermögen, aber auch das Selbstbewusstsein und der Teamgeist werden gestärkt. Zudem fördert der LPF-Unterricht grund-legende Arbeitsfähigkeiten wie z. B. Ausdauer, Konzentration und Arbeitsplatzgestaltung. Das so gewonnene Selbstvertrauen hilft beim Verarbeiten der Sehbehinderung und erleichtert die Wiedereingliederung ins Gesellschafts- und Berufsleben. Das kurzfristige "Ergebnis" des LPF-Unterrichtes kann sich nach getaner Arbeit ebenso sehen bzw. schmecken lassen, in Form eige-ner Werkstücke oder als leckere Speisen.

Wenige Hilfsmittel reichen

Die Hilfsmittel der blinden und sehbehinderten BFW-Rehabilitanden beschränken sich dabei ganz bewusst auf ein Minimum. Beim Kochen greifen die Kursteilnehmer auf blindenspezifische Waagen, Markierungen am Herd und mit Punktschrift versehene Gewürze zurück. Den Topf können Blinde auf dem Herd über einfaches Klopfen mit dem Kochlöffel orten. Alles Weitere ist - nicht nur beim Kochen - Übungs- und Disziplinsache.

So empfiehlt sich bei Pasta "al dente", die Kochzeit genau zu überwachen, um "suboptimale" Ergebnisse zu vermeiden. Das weiß auch Urszula Kehrer aus Erfahrung: "Verkochte Nudeln passieren einem nur einmal" berichtet sie vom hohen Lernfaktor misslungener Gerichte und den langen Gesichtern der hungrigen Mitstreiter. Abwechslungsreich, vitaminreich und gesund ist der Speiseplan, wenn die LPF-Lehrkräfte beim Kochen, Backen und Braten wertvolle Ernährungs-tipps abseits der Fast-Food-Mentalität geben.

Tastsinn stimulieren und Grundarbeitsfähigkeiten trainieren

Ein Teil der BFW-Rehabilitanden erlernt am BFW - neben einem neuen Berufsbild - auch die klassische Punktschrift, für die eine hohe Sensibilität der Fingerspitzen gefragt ist. Das hand-werkliche Arbeiten im Rahmen des LPF-Unterrichtes fördert - neben den bereits erwähnten Grundarbeitsfähigkeiten - den hierfür notwendigen taktilen Fertigkeiten. "Vor allem die Technik des Filzens stimuliert die Oberflächen- und Tiefensensibilität der Finger" betont Astrid Adam und zeigt auf Werkstücke aus Filz wie Bälle, Teppiche und Taschen als attraktives Ergebnis.

"Unser Ziel ist es, neben der beruflichen Qualifizierung alle notwendigen Fähigkeiten zur Bewäl-tigung des Alltags zu vermitteln" erläutert Ursula Lode die schwierige Aufgabe des LPF-Teams. "Neben Kochen und Werken trainieren wir mit den Teilnehmern vor allem Essfertigkeiten, Waschen, Nähen und Bügeln" ergänzt Christiane Heilos, "wobei jeder Einzelne seine individuellen Stärken und Schwächen hat, an denen wir gemeinsam arbeiten."

Mobilitätstraining mit dem Langstock

Ein weiterer wichtiger Baustein auf dem Weg zur Selbständigkeit blinder und stark sehbehinder-ter Menschen ist das Mobilitätstraining. Ein Team aus drei Trainern schult die Teilnehmer des BFW Würzburg im Einzelunterricht und macht diese fit im Umgang mit dem Langstock. "Unsere Klienten erhalten von uns eine fiktive Heimatadresse in der Würzburger City. Von dort aus er-kunden sie dann - mit Unterstützung des Trainers - Tag für Tag und Stück für Stück die Umge-bung" erläutert Mobilitätstrainerin Doris Ruprecht. Nach 50-100 individuellen Übungsstunden und entsprechenden Fortschritten folgt dann die abschließende Bewährungsprobe: Der Teilnehmer wird an unbekanntem Ort "ausgesetzt" und erschließt sich selbstständig den Weg zum kilometerweit entfernten Treffpunkt. "Bisher sind alle unsere Klienten dort wohlbehalten angekommen" sagt die 45-Jährige augenzwinkernd und ergänzt "Nur wer zuvor genügend Kenntnisse erworben hat, wird von uns am Ende des Mobilitätstrainings mit dieser Aufgabe konfrontiert".

Seitens der BFW-Rehabilitanden weiß man den die Berufsausbildung ergänzenden Unterricht überaus zu schätzen. "Mobilitätstraining am Langstock, LPF-Unterricht und die berufliche Qualifizierung sind die drei wichtigsten Eckpunkte für unsere Zukunft" sagt Urszula Kehrer, während sie ihre Nudeln vorsichtig ins kochende Wasser gibt. Die Uhr hat sie diesmal auf die Minute genau gestellt....



zurück zur Übersicht Rückblick-Archiv