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Presseartikel-Archiv

Ältere Presseberichte aus dem BFW Würzburg

Licht am Ende des Tunnels
Herta Groh bereitet sich im BFW Würzburg auf das Arbeitsleben vor
Apotheken-Umschau 2004

In Veitshöchheim bei Würzburg werden stark Sehbehinderte und Blinde auf den wiedereinstieg in das Arbeitsleben vorbereitet. Herta Groh ist eine von ihnen.

Herta Groh am Kaffeeautomaten

Herta Groh in ihrem Zimmer im BFW Würzburg<

Du, Mama, ist die Frau blind?" In dem Moment stieß Herta Groh an einen Laternenpfahl, und der kleine Junge beantwortete seine Frage selbst: " Ja, Mama, sie ist blind." Wenn die zierliche Frau heute an Erlebnisse wie dieses zurückdenkt, kann sie herzhaft lachen. „Ich war schon immer optimistisch", sagt sie. Dabei gab es wirklich schlimme Zeiten in ihrem Leben.

Als Herta gerade ein Jahr alt ist, stellen Ärzte die schreckliche Diagnose: beidseitige Hornhauteintrübung, das rechte Auge ist bereits vollständig erblindet. Auch die Sehkraft des linken Auges nimmt ständig ab - es wird zunehmend dunkler in der Welt der Herta Groh. Von frühester Kindheit an lebt sie mit der schrecklichen Gcwissheit: "Irgendwann kommt der Tag, an dem ich nichts mehr sehe."

Als das unabwendbare Schicksal eintritt, ist sie gerade 20. Die junge Frau stürzt in ein tiefes Loch. Ihren erlernten Beruf im kaufmännischen Bereich muss sie aufgeben. Der Versuch einer Hornhauttransplantation schlägt fehl. Zwar bieten Vater, Mutter und die drei jüngeren Schwestern ihr alle erdenkliche Hilfe an. Doch auch daraus ergeben sich schwierige Situationen. „Ich wollte immer alles alleine machen."

Mit 46 Jahren wieder zur Schule Das will die 47-jährige auch heute noch. Da kommt es dann schon einmal vor, dass sie weinend den Unterrichtsraum verlässt, wenn es mit der Arbeit am Computer nicht so läuft, wie es laufen sollte. Seit gut einem Jahr drückt Herta Groh nämiich wieder die Schulbank. Am Berufsförderungswerk Würzburg (BFW) mit Sitz in Veilshöchheim macht sie eine Ausbildung in Telemarketing. Wenn die jugendlich wirkende und adrett gekleidete Frau mit dem Headset (Kombination von Kopfhörer und Mikrofon) vor dem Monitor siitzt, mit sympathischer Stimme Bestellungen entgegennimmt und eintippt, den Anrufer auf Rabatte und aklueile Sonderangebote aufmerksam macht, weist nichts darauf hin, dass sie blind ist. Beinahe nichts: Vor der Computertastatur ist eine zusätzliche Leiste angebracht, auf der sich wie von Geisterhand stecknadelkopfkleine Noppen neben und senken. Während des Übungstelefonats fährt Hcrta Groh unentwegt mit dem Zeigefinger über diese Zeile. „Das ist Braille", sagt sie anschließend, "die internationale Blindenschrift."

Benannt ist diese Spezialschrift nach dem französischen Lehrer Louis Braille. Er war selbst blind und kam 1825 auf die Idee, dass sich mit einem System aus sechs Punkten jeder Buchstabe und jede Ziffer darstellen lassen. Aber Blinde können auch keine Punkte sehen. Braille ließ diese deshalb ais kleine Erhebungen in Papier einprägen, so dass sie mit den Fingerkuppen erfühlbar wurden. Aus der Anordnung der Erhebungen innerhalb des Sechser-Systems lässt sich erkennen, um welches Zeichen es sich handelt. Die Computertechnik macht es heute möglich, Dokumente blitzschnell von Normalschrift in Braille umzuwandeln.

Ob Bestellformular, Internet-Seiten oder Selbstgeschriebenes - Herta Groh und die anderen Umschüler kön auf ihrer Brailleleiste alles lesen und überprüfen. Braille beherrschte die blinde Frau zum Glück schon, als sie aus ihrem Heimatort in der Nähe von Darmstadt nach Veitshöchheim kam. Aber viele der anderen Teilnehmer müssen auch das erst lernen. "Das ist nicht gerade einfach für Ungeübte, und längst nicht jeder unserer Teilnehmer sieht es ein", sagt Dr. Christoph Bördlein. Der Psychologe berät und betreut die Umschüler auf ihrem Weg in die berufliche Wiedereingliederung. „Viele Sehbehinderte sagen, sie brauchen keine Blindenschrift, sie können schließlich auch so noch alles lesen. Das ist im Prinzip richtig. Aber bei den meisten würde das im Berufsalltag einfach zu lange dauern." Hinzu kommt, so Bördlein weiter, dass sich bei manch einem der schleichende Verlust des Sehvermögens nicht aufhalten lässt.

Blind ist nicht gleich blind

Unter den derzeit rund 200 Umschülerinnen und Umschülern in Veitshöchheim sind die wenigsten tatsächlich blind in dem Sinn, wie wir Sehenden uns das vorstellen. Eine Vielzahl von Ursachen führt zu den unterschiedlichsten Formen von Sehbehinderungen", erklärt Psychologe Bördlein. "Etwa die Hälfte unserer Teilnehmer leidet unter einer Erkrankung der Netzhaut oder des Sehnervs." Starke Kurzsichtigkeit, die zwar eingeschränkt das Lesen ermöglicht, nicht jedoch den Blick in die Ferne, und der umgekehrte Fall, eine extreme Weitsichtigkeit, hindern jeden Fünften im Berufsförderungswerk daran, seinen bisherigen Job weiter auszuüben.

Wieder andere sind durch die Folgeerscheinungen von Diabetes, durch grünen Star oder Auswirkungen der Makuladegeneration gehandicapt. Einziger Trost: "Durch die Allschnallpflicht im Auto und die zunehmende Sicherheit am Arbeitsplatz ist die Zahl der unfallbedingten Sehschäden in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen." Christoph Bördlein fasst zusammen: „Tatsächlich schwarzblind, so dass sie absolut nichts mehr sehen können, sind nur die wenigsten hier."

Auch Herta Groh kann Helligkeitsunterschiede wahrnehmen. „Ah", sagt sie, „die Sonne scheint", als sie in einer Unterrichtspause vor das Gebaude tritt und sich auf einen Stein setzt. Das Gesicht der Sonne zugewandt, erzählt sie von ihrem letzten Kinobesuch. Da war sie mit ihrer Freundin in „Erbsen auf halb sechs", einem Fiim, in dem es um die abenteuerliche Fahrt eines blinden Pärchens durch Polen und das Baltikum geht.

"Sehende können sich das vielleicht nicht vorstellen. Aber ich schaue mir gerne Filme an, im Kino und auch im Fernsehen", sagt sie. "Wenn die Personen miteinander reden, kann ich der Handlung ziemlich gut folgen. Und wenn sie schweigen, geht meine Fantasie auf Reisen." Gelegentlich fragt Herta Groh ihre Freundin allerdings auch, was denn gerade auf der Leinwand passiert.

Vom Landwirt zum Mechaniker

Kleiner Abstecher in die Werkstatt des Berufsfördeningswerks. An zwei Drehbänken bearbeiten Michael Eckardt und Edgar Maler Präzisionsteile für den Maschinenbau; offizielle Berufsbezeichnung: Zerspanungsmechaniker. Bis zum weit fortgeschrittenen Verlust des Augenlichts war Eckard als Landwirt tätig, Maler arbeitete als Maurer. "Für sehbehinderte Handwerker einen neuen Beruf zu finden ist besonders schwierig", sagt Armin Strohmenger, Leiter der gewerblich-technischen Qualifizierung am BFW. "Es kommen nur ungefährliche Tätigkeiten in Frage, bei denen nicht dauernd der Standort gewechselt werden muss. Da ist das Berufsbild des Zerspanungsmechanikern geradezu ideal." Und Dr. Bördlein ergänzt: „Außerdem bereiten wir Physiotherapeuten, Masseure und medizinische Bademeister auf ihre weitere Ausbildung vor."

Bilderschmuck im Zimmer

Vom Fahrstuhl über den Speiseplan bis zum Kaffeeautomaten - alles in den Gebäuden des Berufsförderungswerks ist zusätzlich mit Braille beschriftet. Auch das Namensschild an der Tür zu Zimmer 1412. Hier wohnt Herta Groh für die Dauer ihrer Ausbildung. Ein gemütliches Einzelzimmer-Apartment mit Bildern an den Wänden, Topfpflanzen am Fenster und Weihnachtsdekoration auf dem Tisch. "Auch wenn ich es selber nicht sehe - ich weiß, wie alles aussieht, und möchte mich hier einfach wohl fühlen."

Die meisten finden einen Job

An zwei Wochenenden im Monat fährt die angehende Fachkraft fnr Telemarketing nach Hause. Mit dem Bus nach Würzburg, weiter mit der Bahn und dem Taxi. "Ich bin kein ängstlicher Typ und komme alleine gut zurecht." Manche Leute fragen Herta Groh, ob sie helfen kennen, doch nicht immer ist das sinnvoll. »Es gab schon welche, die haben mich über eine vierspurige Straße geführt, irgendwohin, und ich musste mich neu orientieren." Am nächsten Samstag in der Heimat will sie sich wieder mit ihrer Freundin treffen. Dann werden die beiden Frauen ins Cafe gehen, vielleicht anschließend noch ins Kino. und auf jeden Fall zum Shoppen. „Ich brauche unbedingt ein hellblaues T-Shirt, das zu meinem neuen Kostüm passt", sagt Herta Groh. Wie sie denn die Farben auseinander hält? "Ich nähe mir einfach verschiedene kleine Knöpfe in den Saum, dann kann ich die Farben erfühlen."

Und ihre berufliche Zukunft? "Wir können etwa 80 bis 85 Prozent unserer Absolventen einen neuen Arbeitsplatz vermitteln", freut sich Psychologe Dr. Christoph Bordlein, Wenn alles klappt, bestellt Herta Groh im kommenden März vor der Industrie- und Handelskammer ihre Prüfung zur Fachkraft für Telemarketing, Dann gehört auch die liebenswerte, freundliche Frau zu den Glücklichen, die mit Hilfe des BFW den ersten Schritt in ein neues (Berufs-)Leben wagen können.



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