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Pressemeldungen

Berichte aus dem BFW Würzburg

Was zählt, ist die Einstellung
Das BFW Würzburg schafft berufliche Perspektiven für sehbehinderte Menschen
Forum Sozialarbeit + Gesundheit 01/2007

„Eine starke Sehbehinderung kann jeden zu jeder Zeit treffen“, weiß der Psychologe Dr. Christoph Bördlein vom Berufsförderungswerk (BFW) Würzburg aus seinem täglichen Umgang mit Betroffenen. In Deutschland gibt es mehr als 500000 Menschen, die durch Unfall oder Krankheit blind oder sehbehindert sind. Jedes Jahr kommen fast 20000 Menschen hinzu. Die meisten von ihnen waren vor dem Verlust des Augenlichts berufstätig. Am BFW Würzburg, das auf blinde und sehbehinderte Erwachsene spezialisiert ist, erhalten sie neue berufliche Perspektiven.

Grafik Vermittlungsquote des BFW Würzburg: Über 70 Prozent der Teilnehmer haben 18 Monate nach Ende der ausbildung wieder eine Arbeitsstelle gefunden.

Das BFW Würzburg mit Sitz in Veitshöchheim ist ein gemeinnütziges soziales Dienstleistungsunternehmen. Als eines von bundesweit drei BFW, die auf Blinde und Sehbehinderte spezialisiert sind, hat das Haus ein weitreichendes Einzugsgebiet mit dem Schwerpunkt Süddeutschland. Die meisten BFW-Teilnehmer waren bereits berufstätig. Aufgrund einer plötzlichen Beeinträchtigung ihres Sehvermögens können sie ihre bisherige berufliche Tätigkeit nun nicht mehr weiter ausüben. Im BFW Würzburg erarbeiten sie sich neue Chancen für den ersten Arbeitsmarkt. Das Ziel aller im BFW durchgeführten Maßnahmen ist die nahtlose Wiedereingliederung der Teilnehmer in das berufliche und gesellschaftliche Leben. Schwerpunkte bilden dabei individuelle Beratungsangebote und auf blinde und sehbehinderte Erwachsene abgestimmte Qualifizierungsmaßnahmen. Konkret bietet das BFW eine bedarfsorientierte Leistungspalette in den Bereichen Prävention, RehaAssessment, Qualifizierung (Umschulung sowie Fort- und Weiterbildung), berufliche Integration und Nachsorge an. Parallel zur beruflichen Neuorientierung erhalten die BFW-Teilnehmer bei Bedarf Trainingsmaßnahmen zur Wiederherstellung der persönlichen Selbständigkeit und zum Erhalt des Arbeitsplatzes.

„Eine plötzlich eintretende Sehleistungseinschränkung oder Erblindung stürzt die Betroffenen zunächst in ein tiefes Loch“, erläutert Dr. Bördlein. „Viele sind überzeugt, dass durch die Erkrankung ein selbstständiges Leben oder die Rückkehr ins Berufsleben ausgeschlossen ist. Wir tun alles, um unsere Teilnehmer vom Gegenteil zu überzeugen“, umreißt er die erste Aufgabe des BFW Würzburg.

Rehaberater als Ansprechpartner

Unterstützt werden die BFW-Psychologen dabei auch von den vier Rehabilitationsberatern des BFW Würzburg. Diese betreuen die BFW-Rehabilitanden vom ersten Tag an und haben zwei Arbeitsschwerpunkte: zum einen die soziale Betreuung der Teilnehmer, zum anderen den regelmäßigen Kontakt zum Rehabilitationsträger und die Information über den Maßnahmeverlauf. „Die BFW-Teilnehmer wissen unsere Unterstützung sehr zu schätzen“, betont Reha-Beraterin Julia Krämer. Bei der in den ersten Wochen anstehenden Beantragung von Leistungen wie Blindengeld oder Hilfsmittelausstattung stehen die Sehgeschädigten vor einem doppelten Dilemma: „Das Ausfüllen der Formulare ist für Sehende nicht unkompliziert, mit plötzlicher Sehbehinderung wird es dann natürlich noch schwieriger“, erläutert die Pädagogin eine Facette ihrer Tätigkeit. Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt der BFW-Reha-Berater liegt in der Erstellung und Abstimmung des individuellen Förder- und Integrationsplanes (FuI) für jeden Teilnehmer. Über die gesamte BFW-Zeit unterstützen sie die Teilnehmer zudem im Aufspüren des optimalen Berufsbildes, bei auftretenden Problemen im Unterricht, Prüfungsangst und selbst nach der Abschlussprüfung. „Wir nehmen den Teilnehmern möglichst viel bürokratische und organisatorische Arbeit ab. So können sie sich auf ihr eigentliches Ziel, die erfolgreiche Umschulung, konzentrieren“, umreisst Julia Krämer das Selbstverständnis der Reha-Berater.

Breites Spektrum an Berufsbildern

Die rund 200 Teilnehmer des BFW werden in für ihre Behinderung maßgeschneiderten Berufsbildern ausgebildet. Das Spektrum des BFW Würzburg umfasst dabei über fünfzehn verschiedene Berufe, vorwiegend im kaufmännischen Umfeld und im Bürobereich. Neben angehenden Büro- und Informatikkaufleuten finden sich am BFW auch Absolventen aus dem gewerblich-technischen Zweig (Metallberufe) oder aus dem Gesundheits-Sektor. Alle Berufe basieren auf PC-Arbeit, denn der Computer ist aus dem Berufsalltag blinder Menschen inzwischen nicht mehr wegzudenken. Durch die „Braillezeile“, benannt nach dem Punktschrift-Entwickler Louis Braille, ist es für Blinde problemlos möglich, am Computer zu arbeiten, zu lesen oder zu schreiben.

Gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt

„Unser Credo lautet beraten – qualifizieren – integrieren“ fasst BFW-Geschäftsführer Alfred Schulz die Zielsetzung des Bildungszentrums in drei Worten zusammen. Im ersten, beratenden Schritt klärt das BFW zunächst Neigung und Eignung des potentiellen Teilnehmers für ausgewählte Qualifizierungsmaßnahmen. Anschließend wird die Maßnahme mit dem Betroffenen abgestimmt und eine Empfehlung an den jeweiligen Rehabilitationsträgers – meist Deutsche Rentenversicherung, Agentur für Arbeit oder Berufsgenossenschaften – ausgesprochen.

Nach Zustimmung des Reha-Trägers durchläuft der Großteil der stark Sehbehinderten und Blinden eine einjährige blindentechnische Grundrehabilitation. In dieser Zeit erlernen die BFW-Teilnehmer das Brailleschriftsystem und das blindheitsgemäße Arbeiten am Computer. Im Rahmen eines intensiven Mobilitätstrainings am Langstock erlangen die Rehabilitanden zudem wieder die nötige Selbständigkeit im Berufs- und Privatleben. Auch Sehbehinderte erwerben in einer Vorbereitungsphase Fähigkeiten im Umgang mit dem eingeschränkten Sehvermögen. Diese umfassen das Bedienen des PCs ohne Zuhilfenahme der Maus genauso wie den effizienten Einsatz von Lupen, Vergrößerungssystemen und Bildschirmlesegeräten.

Im nächsten Schritt erfolgt die eigentliche 6-monatige bis 24-monatige Umschulung in den neuen Beruf, angefangen von der oder dem Verwaltungsfachangestellten bis hin zur Kauffrau oder zum Kaufmann im Gesundheitswesen. Das Ziel der beruflichen Wiedereingliederung wird in den meisten Fällen erreicht. Über 70 Prozent der Teilnehmer finden nach erfolgreicher Qualifizierung wieder eine Arbeit. Der hauseigene Arbeitsmarktservice (AMS) betreut die Absolventen bei diesem wichtigen letzten Schritt am BFW: der beruflichen Wiedereingliederung. Die AMSMitarbeiter bieten Unterstützung während der schwierigen Bewerbungsphase, bei Gesprächen mit dem Arbeitgeber und bei der Ausstattung des Arbeitsplatzes. Das Motto des AMS ist klar: Blinde oder sehbehinderte Menschen sind mit der entsprechenden Arbeitsplatz- Ausstattung genauso leistungsfähig wie sehenden Arbeitnehmer. „Die Überzeugungs- und Beratungsarbeit bei den Arbeitgebern ist der Knackpunkt“, unterstreicht Christine Jordan vom AMS-Team des BFW. Sind die Bedenken einmal beseitigt, steht einem langfristigen Arbeitsverhältnis nichts im Wege. „Meist haben die hochmotivierten sehbehinderten oder blinden Mitarbeiter die anfänglichen Vorurteile ihrer Chefs durch ihre überdurchschnittliche Arbeitsleistung schnell zerstreut“, weiß die Sozialpädagogin.

Grundlagen und Spezialkenntnisse

Völlig reibungslos verlief die Wiedereingliederung von Bernard Siino, einem blinden IT-Spezialisten, bei seinem angestammten Arbeitgeber in Villingen- Schwenningen. Der 34-Jährige arbeitet seit sieben Jahren bei einem Unternehmen, das sich auf Zeitmanagementlösungen spezialisiert hat. Als Systemintegrator und Projektbegleiter kümmert er sich darum, dass die Produkte seines Unternehmens mit der Hard- und Software des Kunden optimal harmonieren. Vor vier Jahren unterzog sich der IT-Fachmann einer Routineoperation. Nach dem nicht komplikationsfreien Eingriff am Becken litt er unter täglich zunehmenden Sehstörungen und enormen Kopfschmerzen. Erst die Ärzte der Freiburger Universitätsklinik erkannten nach Wochen, dass der Sehnerv aufgrund des erhöhten Hirndrucks stark geschädigt wurde. Mit einer Notoperation normalisierten die Freiburger Spezialisten den Hirndruck. „Die Kopfschmerzen waren schlagartig weg, aber das Augenlicht kam nicht wieder“, erinnert sich Bernard Siino an den April 2002.

Neue Perspektiven eröffnen sich für ihn nach der medizinischen Rehabilitation Anfang 2003. Bernard Siino erlernt am BFW Würzburg innerhalb eines Jahres die Punktschrift und das blindheitsgemäße Arbeiten am PC. In bester Erinnerung hat er vor allem das Mobilitätstraining. „Hier lernt man, wie man als Blinder mit dem Langstock von A nach B kommt“, erläutert Bernard Siino. Man bekomme beigebracht, wildfremde Passanten nach dem Weg zu fragen, was ihm anfangs sehr schwer gefallen sei. Als genauso wichtig erachtet er das Erlernen des 10-Finger-Schreibens an der PC-Tastatur und das schnelle Vorankommen an der Braillezeile, auf der Blinde den Bildschirminhalt in Punktschrift ertasten können. „Nachdem ich das gelernt hatte, konnte ich mit den BFW-Spezialisten im Einzelunterricht mit Jaws, Microsoft Office und HTML in punkto EDV wieder durchstarten“, schwärmt er von den letzten Monaten an dem Bildungszentrum. Und es hat sich gelohnt: Mitte 2004 war er fit für die Rückkehr an den alten Arbeitsplatz.

Maria Pydynkowski arbeitet in einem gänzlich anderen Arbeitsfeld, ist aber ebenso erfolgreich. Wenn die blinde Masseurin im Würzburger König-Ludwig-Haus mit routinierten Handgriffen Verspannungen löst oder Elektrotherapie und manuelle Lymphdrainage anwendet, ist von ihrem Handicap nichts zu bemerken. Dass die 43-Jährige blind ist, ist für die Patienten und Mitarbeiter der orthopädischen Klinik mittlerweile selbstverständlich. „Ich wurde von Anfang an sehr herzlich aufgenommen“, erzählt die aufgeschlossene Masseurin und lobt die Unkompliziertheit ihrer Kollegen in der Physiotherapie.

Als blinde Masseurin erfolgreich

Von Geburt an mit dem Grauen Star sehbehindert, kam für Maria Pydynkowski im Alter von 22 Jahren, während ihrer Ausbildung zur Altenpflegerin, der Grüne Star hinzu. „Zwei Jahre später ging in diesem Beruf nichts mehr“, erzählt die gebürtige Schwäbin. Seit 1988 besuchte deshalb am BFW Würzburg den Grundkurs Physikalische Therapie. Zwei Jahre später schloss sie nach ihrer Ausbildung und einem Anerkennungspraktikum die Prüfung zur Masseurin erfolgreich ab. Im Anschluss verdiente sie sich mit Massagen in Kurkliniken und Arztpraxen rund um Würzburg ihren Lebensunterhalt.

Vor vier Jahren folgte dann der nächste Tiefschlag: Ihr Arbeitgeber, eine orthopädische Praxis, schloss aus Kostengründen und die alleinerziehende Mutter zweier sehbehinderter Kinder war plötzlich arbeitslos. Nach erfolglosen Bewerbungen nahm sie erneut Kontakt zum BFW Würzburg auf. Bei einer gemeinsamen Ist-Analyse wurden vom BFW Würzburg ihre Stärken beim praktischen Umgang mit Patienten, aber auch Nachholbedarf bei Kenntnissen am PC erkannt. Mit Unterstützung einer Reha-Beraterin bei der Würzburger Beratungsstelle der Deutschen Rentenversicherung Bund erhielt Maria Pydynkowski am BFW eine intensive EDV-Schulung und anschließend eine Maßnahme zur Integration Blinder und Sehbehinderter (IBS).

Die Rechnung ging auf: Maria Pydynkowski fand mit den neuen Kenntnissen eine Praktikumsstelle im Würzburger König-Ludwig-Haus. Die 43-Jährige überzeugte nicht nur durch die fachkundige Behandlung ihrer Patienten, sondern meisterte auch die notwendige Patientendokumentation und Leistungserfassung am PC. Schon bald therapierte die blinde Masseurin ihre Patienten nicht nur in der physiotherapeutischen Ambulanz, sondern auch auf den Stationen der orthopädischen Klinik und bewies damit ihre uneingeschränkte Mobilität. Nach einer Verlängerung des Praktikums erhält Maria Pydynkowski einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Nun hofft sie auf möglichst viele Nachahmer: „Ich wünsche mir, dass sich immer mehr Arbeitgeber finden, die Behinderte eingliedern!“



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