Sprungnavigation
Von hier aus können Sie direkt zu folgenden Bereichen springen:

Herzlich willkommen im Berufsförderungswerk Würzburg

Pressemeldungen

Berichte aus dem BFW Würzburg

Deutschlands erster Lagerist ohne Augenlicht
Volker Mooz erfolgreich zurück am Arbeitsplatz
Backnanger Kreiszeitung, 2007-07-14

Sulzbach an der Murr/Veitshöchheim - "Am Anfang konnten wir uns das auch kaum vorstellen", bekennen Klaus Schittenhelm und Michael Schmid von der Hermann Erkert GmbH. Es geht um Volker Mooz, der seit über 20 Jahren bei dem Automobilzulieferer in Sulzbach arbeitet. Als der 49-Jährige vor rund drei Jahren nach einer Routineoperation plötzlich nahezu erblindet, rechnet keiner so richtig mit dessen Rückkehr zum angestammten Arbeitgeber. Nun ist Volker Mooz wieder da und macht seinen neuen Job im Lager so, als wäre nichts gewesen.

Foto Volker Mooz

Nachdem Mooz am Berufsförderungswerk (BFW) Würzburg mit Sitz in Veitshöchheim die Punktschrift erlernte, arbeitet er wohl als deutschlandweit erster Lagerist, der ohne Augenlicht klarkommt. "Der jetzige Erfolg steht und fällt mit dem unbedingten Willen von Volker Mooz", sagen Direktor Hubert Seiter und Fachberater Engelbert Lohmann von der Deutschen Rentenversicherung (DRV). Und: "Zu Anfang mussten wir Herrn Mooz in seinem Tatendrang sogar etwas bremsen". Die DRV trug als zuständiger Rehabilitationsträger unbürokratisch die Kosten für die berufliche Wiedereingliederungsmaßnahme und kam für die notwendige neue Arbeitsplatzausstattung bei Erkert auf.

Volker Mooz ließ als dreifacher Familienvater von Anfang an keinen Zweifel daran, dass er unbedingt zurück in den Beruf möchte: "Den Kopf in den Sand stecken, ist nicht mein Ding. Ich wollte trotz meines Handicaps so schnell wie möglich wieder arbeiten." Schon wenige Wochen nach dem Schicksalsschlag war sich der gelernte Maschinenbaumeister sicher: "Ich versuchs noch mal!". Schnell knüpft er den Kontakt zu Engelbert Lohmann von der DRV, der sich rasch mit dem BFW Würzburg in Verbindung setzt.

"Bei einem konstruktiven Gespräch mit dem Betroffenen, Arbeitgebervertretern, der DRV und dem BFW wurde ein gemeinsames Konzept erarbeitet, das 100 Prozent aufging und nun im neuen Aufgabengebiet von Herrn Mooz mündet", erinnert sich Bruno Kuhn vom BFW-Arbeitsmarktservice. Kuhn kümmert sich mit zwei Kolleginnen um die berufliche Perspektive der Absolventen des unterfränkischen Bildungszentrums, das auf die berufliche Wiedereingliederung von blinden und sehbehinderten Erwachsenen spezialisiert ist. Meist ist es so, dass in Anschluss an das Erlernen der Punktschrift ein komplett neuer Beruf erlernt wird. Das Spektrum umfasst über fünfzehn Berufe, reicht von Informatikkaufleuten bis zu Call-Center-Agents. "Über 70 Prozent unserer Teilnehmer gelingt der Sprung zurück in den Job", sagt Kuhn nicht ohne Stolz.

Volker Mooz hatte mit einem bestehenden Arbeitsverhältnis und der sozial eingestellten Erkert-Geschäftsführung also Glück im Unglück. Einfach war der Weg zurück in den Beruf jedoch auch für ihn nicht. "Vor meiner Erkrankung war ich als Werkzeugmeister in der Schärferei eingesetzt, dahin konnte ich mit meinem minimalen Sehrest von gerade einmal zwei Prozent nicht zurück." Sein Glück war das Entgegenkommen seines Arbeitgebers und "dass die einzelnen Beteiligten sehr schnell an einem Tisch saßen", weiß er heute.

Sehr bald wurde nach dem Erlernen der Punktschrift ein neuer Arbeitsplatz im Lagerbereich ins Auge gefasst. Mooz heutige Aufgabe ist es, hausinterne Werkzeuganforderungen abzufragen, die benötigten Materialien auszulagern und zur Abholung bereitzustellen. Die Arbeit blindheitsgemäß durchzuführen, ist jedoch nicht alltäglich. Um ihn in die Lage zu versetzen, ohne fremde Hilfe zu arbeiten, mussten im Vorfeld einige Hindernisse überwunden werden: So war zunächst geplant, die bis dahin auf Papier angeforderten Werkzeugbestellungen mittels Einscannen und Schrifterkennung zu übersetzen. Mooz sollten dann über eine Sprachausgabe und einen drahtlosen Kopfhörer die bestellten Artikel ins Ohr souffliert werden. Doch der Scanner konnte die wenigsten handschriftlichen Dokumente entziffern. Kurzerhand stellte man auf die Bestellung mit Computer um und die EDV-Abteilung von Erkert programmierte eine eigene barrierefreie Anforderungsmaske. Mit erfreulichem Ergebnis: Volker Mooz kann die eingehenden Bestellungen nun wie angedacht mit dem Kopfhörer abarbeiten, der neue Bestellungsmodus ist schneller als zuvor, die Fehlerquote niedriger. Eine zweite Hürde konnte durch das Umprogrammieren der automatischen Sendeliste übersprungen werden, weitere Hindernisse wurden täglich neu umschifft.

In der Firma ziehen sie den Hut

Der Aufwand hat sich gelohnt: Mit Sprachausgabe und Laserpistole identifiziert Volker Mooz heute Woche für Woche hunderte verschiedene Materialien, lagert sie fehlerfrei aus und versendet die Ware hausintern ohne sie richtig zu sehen. "Als ich hörte, dass der erblindete Herr Mooz die Werkzeugausgabe mit Verbuchung und Entnahme der Werkzeuge aus dem rollierenden Paternoster-Lager mit tausenden von Wendeplatten, Bohrern, Gewindeschneidern oder Schrauben et cetera übernimmt, konnte ich mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, wie das funktionieren soll", erzählt Michael Schmid. Heute weiß er: "Es funktioniert". Tatsächlich kommt Volker Mooz jeden Tag besser klar. "Meine Aufgabe ist es zum Beispiel, aus Ebene 7, Regal 5, Fach 12, zehn Wendeplatten ww040027 herauszuholen", erläutert er und wendet sich dem meterhohen Paternoster zu. "Den Lagerort sagt mir die Sprachausgabe aufs Ohr. Die Ware selbst kontrolliere ich mit meiner Laserpistole und entsprechenden Barcode-Aufklebern an jedem Lagerort", beschreibt er seine neue Aufgabe, während er routiniert die Laserpistole ansetzt. Dann nickt er zufrieden: "Insgesamt hätte es in der Abstimmung von DRV, BFW und Erkert nicht besser laufen können. Alle haben prima mitgezogen." Zufrieden mit der Wiedereingliederung des routinierten Mitarbeiters ist auch Arbeitgeber Erkert. In der Führungsetage hat sich der 49-Jährige wie bei seinen rund 700 Arbeitskollegen gehörig Respekt verschafft. Michael Schmid bestätigt: "Volker hat sich in seiner positiven und kollegialen Art überhaupt nicht verändert. Zu keiner Zeit hat er mit seinem Schicksal gehadert. Davor zieht jeder von uns den Hut."



zurück zur Übersicht Pressemeldungen