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Pressemeldungen

Berichte aus dem BFW Würzburg

"Ich will den Fußball spüren!
Keinen Bock auf Sitzplatz: Ein Derby-Gespräch mit zwei blinden Fans
MAIN-POST 2008-02-27

Peter Deinzer (32) ist von Geburt an blind. Wie unkompliziert der Löwen-Fan jedoch mit seiner Behinderung umgeht, zeigt seine Antwort auf die Frage, ob er sich anlässlich des Pokalspiels ein Derby-Gespräch mit einem blinden FC-Bayern-An-hänger vorstellen könnte: „Blinde Bayern-Fans? Davon gibt's doch genug." Nun, einer davon ist Nabul Mesghouni (30), und auch er war spontan bereit zu dem Interview-Termin mit einem Fremden. Waren die beiden Fußball-Fans anfangs noch etwas reserviert, so entwickelte sich am Ende des einstündigen Gesprächs trotz der Klub-Rivalität sogar so etwas Sympathie; Peter Deinzer lud Nabul Mesghouni zu einem Blindenstammtisch ein.

Foto der beiden blinden Fans

FRAGE: Was fasziniert einen Blinden am Fußball?

NABUL MESGHOUNI: Das ist der tollste Sport, den es gibt. Fußball ist Spannung pur.

PETER DEINZER: Wann bist du erblindet?

MESGHOUNI: Mit 13, 14 Jahren. Früher, als Kind, habe ich selbst noch gespielt. Jetzt erkenne ich nicht mal hell oder dunkel.

DEINZER: Das ist ein Unterschied. Du hast einen Plan vom Spiel, kannst Dir etwas vorstellen. Ich als Geburtsblinder habe nie etwas gesehen. Deshalb bin ich beim Fußball vor allem fasziniert von der Stimmung im Fanblock. Auf einen Sitzplatz habe ich keinen Bock. Ich will da stehen, wo die Post abgeht, wo gesungen wird, wo Rauchschwaden durch die Ränge ziehen. Ich will den Fußball spüren. Neulich war ich in Kaiserslautern, wo wir in letzter Minute das Spiel noch gedreht haben. Irre!

MESGHOUNI: Ist Dir da noch nichts passiert?

DEINZER: Nein, ab und zu wird man mal blöd angebabbelt. Aber für mich ist das A und 0 auf meinen Reisen, Leute kennenzulernen. Die meisten sind auch sehr hilfsbereit. Wenn ich aber unter vielen gegnerischen Fans bin, lasse ich Mütze und Schal lieber mal länger in der Tasche.

MESGHOUNI (lacht): Sonst schicken die Dich noch in die falsche U-Bahn.

Ist das Stadion in Kaiserslautern für Blinde ein besonderes Erlebnis?

MESGHOUNI: Es gibt doch da eine Fan-Freundschaft zwischen den Löwen und den Lauterem. Loser müssen zusammenhalten.

DEINZER: Haha. Im Ernst: Der Betzenberg gehört zu den Stadien, wo die Stimmung besser rüberkommt als anderswo. Die Allianz Arena etwa ist nicht so berauschend. Ärgerlich ist übrigens, dass wir heute im Derby die Auswärtsmannschaft sind und so in den Oberrang müssen. Ich stehe sonst immer im Unterrang, Block 130.

Herr Mesghouni, wie wurden Sie Fan vom FC Bayern München?

MESGHOUNI: Schon als Kind war ich von der Spielweise fasziniert, von Karl-Heinz Rummenigge und den anderen. Das hat sich bis heute gehalten. Als gebürtiger Rheinland-Pfälzer drücke ich aber auch dem FSV Mainz die Daumen ...

DEINZER: ... den wir aus dem Pokal geworfen haben.

MESGHOUNI: Die Bayern zählen zu den Top-Klubs in Europa. Früher gab's auch Krisen mit schiechten Tabellenplätzen, aber das hat an meiner Begeisterung nichts geändert.

Fußball lebt auch von der Diskussion um Schiedsrichter, Fouls, Abseits. Wie bringt ihr euch da ein?

DEINZER: Als Blinder ist man immer davon abhängig, was andere erzählen. Wenn man also mit Sechziger-Fans unterwegs ist, wird man keine objektive Meinung zu hören bekommen. Da gibt es natürlich Sachen, die kann ich mir nicht vorstellen: Passives Abseits etwa, was ist das? Ich bin mal ein Spielfeld abgeschritten, ich habe die Stangen eines Tores ertastet, Balle sowieso. Aber über passives Abseits kann ich nicht mitreden.

MESGHOUNI: Bei mir sieht das anders aus. Wenn von einem Doppelpass die Rede ist oder von einer vergebenen Chance, dann stelle ich mir das vor meinem geistigen Auge vor.

Wie verfolgt ihr das Spiel heute?

DEINZER: Ich werde im Stadion sein.

MESGHOUNI: Ich werde es wahrscheinlich im Fernsehen verfolgen. Das. mag ich lieber als Radio, da reden die sich oft einen Wolf - und Stimmung kommt trotzdem keine rüber, blöd ist es nur, wenn der TV-Reporter zehn Minuten lang nur die Spielernamen aufzählt.

DEINZER: Das ist bei mir ähnlich, ich schaue auch lieber Fernsehen. Sehen ist übrigens eine Formulierung, die Sehende im Zusammenhang mit Blinden vielleicht irritiert, aber in unserem Sprachgebrauch durchaus üblich ist. Im Stadion nutze ich in letzter Zeit ab und an den neuen Service: Da bekommen Blinde einen Empfänger und Kopfhörer und auf der Pressetribüne kommentiert einer das Spiel.

MESGHOUNI: Auch wenn du ein Blauer bist, muss ich dich loben. Ich finde es toll, wie du dein Fan-Leben gestaltest. Das ist besser, als mit Behinderten-Organisation einen Stadionbesuch zu machen. Mittendrin sein dient allemal mehr der Integration. In den 90 Minuten auf der Tribüne spielt es keine Rolle, ob du blind bist, du gehörst einfach dazu.

Gibt es etwas, was Euch am jeweils anderen Verein imponiert?

DEINZER: Die Bayern haben ein sehr gutes Management und ich finde es gut, dass sich Leute wie Uli Hoeneß auch sozial stark engagieren.

MESGHOUNI: Was man an den Blauen sieht: Wir haben Euch ja mit dem Stadion-Kauf vorm Konkurs gerettet.

DEINZER: Das muss ich leider bestätigen.

MESGHOUNI: Mir imponiert bei Euch, dass ihr trotz der andauernden Erfolglosigkeit noch nicht aufgegeben habt.

Wie geht das Derby heute aus?

MESGHOUNI: Sechzig wird sang-und klanglos untergehen: Wir siegen 3:1 und Luca Toni trifft zweimal.

DEINZER: Was ich tippe oder hoffe?

MESGHOUNI (lacht): Das liegt bei Euch immer weiter auseinander.

DEINZER: Also, ich hoffe auf eine Überraschung, schließlich haben wir in der Allianz Arena noch nie gegen die Bayern verloren. Aber ehrlicherweise glaube ich, dass wir unglücklich und knapp verlieren werden.

Zur Person: Nabul Mesghouni (30) wurde im Westerwald geboren und ist von Geburt an am Grünen Star erkrankt. Trotz mehrerer Operationen war die Krankheit nicht aufzuhalten und er erblindete im Alter von 13, 14 Jahren. Derzeit besucht er einen Punktschriftkurs im Berufsförderungswerk Würzburg, Bildungszentrum für Blinde und Sehbehinderte, in Veitshöchheim und wird zum Verwaltungsfachangestellten ausgebildet.

Zur Person: Peter Deinzer (32) aus Karlstadt am Main ist von Geburt an biind. Der Bearbeiter in der Elterngeldstelle des Zentrums Bayern für Familie und Soziales in Würzburg ist seit vielen Jahren leidenschaftlicher Anhänger des Zweitligisten TSV 1860 München und Gründer des Fanklubs „Maintal-Löwen '97" In dieser Saison hat Peter Deinzer bereits 15 der bislang 21 Löwen-Spielen live im Stadion besucht - oft alleine.



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