Sprungnavigation
Von hier aus können Sie direkt zu folgenden Bereichen springen:

Herzlich willkommen im Berufsförderungswerk Würzburg

Pressemeldungen

Berichte aus dem BFW Würzburg

Blindes Verständnis unter den Spielern
Blindenfußball-Bundesliga - Würzburg ist unter den acht Teams dabei
Kitzinger Zeitung 2008-03-28

Würzburg - Am 29. März 2008 ertönt erstmals der Anpfiff zu einer Deutschen Blindenfußball-Bundesliga (DBFL). Unter der Schirmherrschaft von Uwe Seeler, Ehrenspielführer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, tritt unter den acht Mannschaften auch ein Team aus Würzburg an.

Foto der Fußballmannschaft des BFW

Blindenfußballer des Berufsförderungswerks Würzburg (BFW) treten als einziges Team aus Bayern in einer Spielgemeinschaft mit Berlin an. An drei Wochenenden treffen sich die Mannschaften an bis zu zwei Spielorten im Bundesgebiet. Am 29. und 30. März in Berlin und Stuttgart, am 26. und 27. April in Stuttgart und Dortmund und schließlich am 24. und 25. Mai in Dortmund treten die acht Teams SG Würzburg-Berlin, FC St. Pauli, SSG Blista Marburg, BBW Chemnitz, ISC Viktoria Dortmund, SG Essen-Rheinruhr, MTV Stuttgart und Guide-Dogs Mainz gegeneinander an. Vorgestellt wurde die DBFL der Öffentlichkeit erstmals am 18. März 2008 auf dem Vereinsgelände von Hertha BSC Berlin unter der Anwesenheit von Schirmherr Uwe Seeler, Hertha-Manager Dieter Hoeness und BSC-Stürmer Marco Pantelic.

Wie sicherlich die Mehrzeit der „Sehenden“, fragte sich zunächst auch Fußball-Idol Seeler, wie Blindenfußball funktioniere. Daher die Rahmenbedingungen in Kürze: Zwei Teams je fünf Spieler treten auf einem zirka 40 Meter langen und 20 Metern breiten Feld für zwei Mal 25 Minuten gegeneinander an. Eine Mannschaft besteht dabei aus vier blinden Spielern, bei denen Augenklappen oder -binden mögliche Unterschiede im Sehvermögen nivellieren, und einem sehenden Torhüter. Beide Mannschaften versuchen, den Ball in ein Handball-Tor zu schießen. Grundlegend sind dafür die speziellen Blindenfußbälle, die im Inneren mit einer akustisch wahrnehmbaren Rassel ausgestattet sind. Begeht ein Spieler in einem Spiel fünf persönliche Fouls muss er ausgewechselt werden. Was im Fußball das „hohe Bein“ darstellt, ist beim Blindenfußball der „gesenkte Kopf“ – der wird aufgrund einer Gefährdung der Mitspieler als Foul gewertet. „Knackpunkt beim Blindenfußball ist die Orientierung und das Dribbeln“, beschreibt der Marcel Heim (23), der für Würzburg aufläuft und sich im Veitshöchheimer BFW für die Sportart einsetzt.

Ausgehend von einer Grundaufstellung, vergleichbar mit der taktischen Formation, orten die Spieler im Verlauf eines Spiels durch Zurufe der Trainer und Guides, die jede Mannschaft an den Seitenlinien und hinter den Toren postiert, ihren Standpunkt auf dem Feld durch bloßes Hören. Dafür, so berichtet Heim, sei für Einsteiger das Training sehr wichtig, um „zu hören, ob der Ball, die Bande oder das Tor einen, fünf oder zehn Meter von mir entfernt ist.“ Auch die Spieler verständigen sich untereinander - der ballführende ruft „voy“, spanisch für „ich komme“, so dass Mit- und Gegenspieler ihn wahrnehmen können. Sich in der auch körperbetonten Team-Sportart auf die Wahrnehmung durch das Gehör einzulassen, sei für viele Anfänger ein Schritt, den sie zunächst wagen müssten, beschreibt der 23-jährige, denn trotz der Zurufe sind Zusammenstöße unter den Spielern im Eifer des Gefechts eben nicht vermeidbar.

Seit September 2006 ist Marcel Heim für das BFW am Ball. Als Routinier im Würzburger Team gibt er ein Mal pro Woche seine gesammelte Erfahrung im Training an neue Mitspieler weiter. „Es ist gut, dass es mit Fußball nun eine zweite Team-Sportart nach Torball gibt, die von Blinden ausgeübt werden kann“, findet er. Inzwischen rasselt der Ball weltweit in 21 Ländern. Schon seit den 1960er Jahren wird in Brasilien in mehreren Ligen gedribbelt und gerufen, dort gibt es auch Profis. Populär ist Blindenfußball auch in Spanien, wo einem Länderspiel gegen Nachbar Frankreich 3.000 Zuschauer beiwohnten.

Im Zuge der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 konnte sich Blindenfußball auch in Deutschland etablieren. Der Anpfiff in der Bundesrepublik erfolgte durch ein internationales Turnier im Mai 2006 - kurz darauf bildeten sich Mannschaften an zehn Standorten. In Würzburg leitete Ansgar Lipecki dies an. Drei organisierte Turniere fanden seitdem in Tübingen (Sieger wurde Dortmund vor Tübingen), Neumünster (Marburg nach Sechs-Meter-Schießen gegen Mainz) und Marburg (Stuttgart vor Marburg) statt. Im Juni 2007 stieg außerdem der Deutsche Behindertensport-Verband (DBS) in die Förderung ein und lud zu einem Workshop nach Essen ein, um Spieler für ein Nationalteam um Coach Ulrich Pfisterer zu sichten, das mit dem Bundesadler auf der Brust zum ersten Mal bei der 2007 in Griechenland ausgetragenen Europameisterschaft startete. Bei aller Euphorie ist Blindenfußball gerade im Stadium der erst zunehmenden Verbreitung auch mit Problemen verschiedener Art konfrontiert. Dabei nennt Marcel Heim den großen Zeitaufwand für Turniere und nun die Liga, die meist über ein ganzes Wochenende stattfinden. Mit der Familie und einem Beruf sei dies schwierig zu vereinbaren. Mit den halbjährigen Kurswechseln im BFW verlassen zudem stets Leistungsträger die Mannschaft. Im Gegenzug hofft Heim, dass sich dabei auch neue Interessenten finden und Würzburg in Zukunft wieder ein eigenständiges Team stellen könne. „Neue Mitspieler sind immer willkommen. Wir freuen uns über jeden“, betont der Stürmer.

Sorgen bereitet aber auch das liebe Geld. In Würzburg fehlt noch eine geeignet stabile Bande, um künftig auch Turniere oder vielleicht einen Spieltag der DBFL austragen zu können. Bei der Finanzierung der 20.000 Euro teuren Feld-Begrenzung ist das BFW ebenso wie bei der Ausrüstung der Mannschaft mit Trikots und Bällen oder zur Aufbringung der Fahrtkosten zu den Spielen auf Spenden und Sponsoren angewiesen. „Mein Ziel ist, da ich noch zwei Jahre in Würzburg sein werde, hier ein Turnier veranstalten zu können“, hofft Heim.

Für die fränkisch-preußische Spielgemeinschaft der VSV Würzburg und BSSV Berlin treten Ansgar Lipecki (Tor), einer der wenigen ausgebildeten Blindenfußball-Trainer in Deutschland, Marcel Heim, Ramon Pryssok, Georgius Doukas und Dimitrios Dimos aus Würzburg, Markus Baysal, Gerd Franzka, Katja Reichstein, Reiner Delgado und Ralf Hohn aus Berlin (Feld) sowie BFW-Sportlehrerin Martina Junker, Michaela Zajic, beide aus Würzburg, und Rupert Liedke (Trainer/Guides) an. Am ersten Spieltag stehen für die Blindenfußballer der SG Würzburg-Berlin die Aufeinandertreffen mit dem FC St. Pauli und ISC Viktoria Dortmund an. Wie Marcel Heim die Chancen der SG in der DBFL einschätzt? „Ich hoffe, dass wir am ersten Wochenende gut und schnell zusammenfinden. Dann könnten wir unter den ersten Sechs im Mittelfeld landen.“ Als Favoriten nennt er die bisherigen Turniersieger Marburg, Stuttgart und Dortmund. Ausführliche Informationen zur Liga, den Mannschaften und Spielen bietet im Internet die Seite www.blindenfussball.net



zurück zur Übersicht Pressemeldungen