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Pressemeldungen

Berichte aus dem BFW Würzburg

Angstfrei im Raum
Die SG Würzburg/Berlin startet in die Blindenfußball-Bundesliga
Süddeutsche Zeitung 2008-04-04

Eigentlich wäre Marcel Heim jetzt auf dem Meer. Er stünde in der Kombüse eines Kreuzfahrtschiffes und würde das tun, was ihm am meisten Spaß macht kochen. Das Talent dazu, so haben ihm die Kollegen in der Ausbildung bei einem Stuttgarter Sterne-Koch gesagt, das hätte er. Doch Marcel Heim steht mit seiner Sporttasche vor der Umkleidekabine eines Berliner Hockeyplatzes.

Spielszene aus dem Blindenfussball

Schräg gegenüber thront das große Olympiastadion, in dem Hertha BSC in zweiwöchentlichem Rhythmus bis zu 74 000 Menschen anlockt. Er hat geduscht und ist bereit zur Rückfahrt nach Würzburg. Der Grund für den unfreiwilligen Ortstausch ist ein Gendefekt, der 23-Jährige hat eine Sehkraft von unter einem Prozent. Marcel Heim gehört der SG Würzburg/Berlin an, einem von acht Gründungsmitgliedern der Blindenfußball-Bundesliga, die an diesem Wochenende in Berlin und Stuttgart begonnen hat.

Teure Bande fehlt noch

Trotz der weiten Anreise sind die Würzburger froh, dabei sein zu dürfen, denn alleine hätten sie kein Aufgebot zusammen bekommen. Zusammen mit den Berlinern gespielt haben sie noch nie. In der Kabine werden die Trikots verteilt. Dass über den Rückennummern „Berliner Zecken" steht, stört niemanden, die Stimmung ist gut. „Jürgen Klinsmann war gestern da, um neue Spieler zu scouten", scherzt Ramon Pryssok, dessen Augenlicht sich mit Beginn der Pubertät unaufhaltsam und immer schneller verabschiedete. Dass der neue Bayern-Trainer nicht da war, weiß jeder. Das Interesse am Samstag, dem Eröffnungstag, war nur beim ersten Spiel gegen den FC St. Pauli groß. Von den beinahe 300 Zuschauern, die der Veranstalter, der Berliner Blinden- und Sehbehinderten Verband, gezählt hat, waren die meisten Pressevertreter. Als die Interviews geführt waren, wurde es schlagartig leer auf den moosbewachsenen Steintribünen. Nur vereinzelt verschlägt es am Sonntag noch Laufkundschaft auf das alte Gelände, denn die Schiedsrichterentscheidungen werden über einen Lautsprecher durchgesagt. Im Schnitt sind zwei Dutzend Zuschauer da. Dabei ist das Spiel „absolut atemberaubend", wie es der Deutschland-Korrespondent eines russischen Fernsehsenders nennt. Er verschränkt die Arme hinter seinem Rücken und schüttelt ungläubig den Kopf .Ansgar Lipecki lächelt nur und breitet zustimmend die Arme aus. Lipecki ist eigentlich Trainer der Würzburger. Doch als das Spiel gegen die ISC Viktoria Dortmund-Kirchderne beginnt, steht der Diplom- Sportlehrer im Tor seiner Spielgemeinschaft. Der etatmäßige Schlussmann musste wegen einer fortschreitenden Augenentzündung in Würzburg bleiben. „Ich springe ein, bis wir jemand gefunden haben", sagt Lipecki.

Auf dem hallenfußballgroßen Feld stehen sich jeweils vier blinde Spieler gegenüber, der Torwart ist sehend, eine seitlich aufgestellte Bande dient dem Spielfluss und der Orientierung. Auf dem Platz hört man ununterbrochen das Wort „voy"- das ist spanisch und heißt so viel wie „ich komme". So kündigen sich die Akteure an, um Zusammenstöße zu vermeiden. Zudem stehen hinter den Toren und an der Mittellinie so genannte Guides, die den Spielern zusätzliche Hilfestellungenzurufen. Sich „angstfrei im offenen Raum bewegen zu können", ist eine der wichtigsten Voraussetzungen, so Lipecki. Der Ball ist kleiner und schwerer als ein handelsüblicher, im Inneren sind Schellen, die seinen Aufenthaltsort hörbar machen. Zum Teil tragen die Spieler einen Schaumstoffring um den Kopf.

Der Knackpunkt des Spiels ist die Bande, diese kostet rund 25 000 Euro. „Daran scheitert es bei uns in Würzburg aktuell", sagt Lipecki. „Mit einer Bande stünden wir sofort als Austragungsort bereit." In der Premieren-Saison spielen die Teams in Berlin, Stuttgart und Dortmund. Seit einigen Monaten gibt es auch eine Nationalmannschaft, die Gründung der Bundesliga soll dieser einen Schub geben und den Sport der Öffentlichkeit nahe bringen. Als Vorbilder gelten Länder wie Brasilien und Spanien, dort gibt es Blindenfußball seit über 20 Jahren.

Nächster Spieltag in Stuttgart

Ansgar Lipecki klopft gegen den langen Pfosten. So können seine Verteidiger die Schusslinie erahnen und eine Mauer stellen, denn Dortmund hat Freistoß. Der Schütze trifft den Ball perfekt, in der Mauer prallt er von der Hüfte eines Abwehrspielers ab, bekommt beim Aufsetzen eine unerwartete Flugbahn und geht ins Tor. Lipecki klopft wieder gegen den Pfosten, diesmal aus Frust, eigentlich ist es auch mehr ein Schlag. Am Ende verliert sein Team gegen die favorisierten Dortmunder mit 1:3 Toren.

In vier Wochen trifft sich die SG Würzburg/Berlin in Stuttgart zum zweiten Spieltag wieder. Ohne vorher nochmal miteinander zu trainieren. Marcel Heim ist dann wieder dabei. Er hat sich im vergangenen Jahr im Berufsförderungswerk in Würzburg auf sein neues Leben eingestellt und beginnt dort demnächst eine Ausbildung. Nicht als Koch, sondern als Fachinformatiker.



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