Sprungnavigation
Von hier aus können Sie direkt zu folgenden Bereichen springen:

Herzlich willkommen im Berufsförderungswerk Würzburg

Pressemeldungen

Berichte aus dem BFW Würzburg

Schellen im Ball und Rufer am Spielfeldrand
Blindenfußball-Bundesligaspieler trainieren im Berufsförderungswerk in Veitshöchheim
MAIN-ECHO 2008-11-24

Veitshöchheim. - Dribbeln, stürmen, Tore schießen – und das alles, ohne den Ball zu sehen, geschweige denn das Tor? Was wie Zauberei klingt, ist für Marcel Heim und seine Teamkollegen der schönste Sport der Welt. Sei trainieren jeden Montag Blindenfußball im Berufsförderungswerk (BFW) Würzburg in Veitshöchheim. In einer Spielgemeinschaft mit Berlin kamen sie in der ersten Saison der Blindenfußball-Bundesliga sogar auf Platz sechs. Unaufhaltsam stürmt Marcel Heim auf das Tor zu. Der Ball wechselt blitzschnell zwischen seinen Füßen hin und her. Nur noch wenige Schritte – da nehmen ihn Patrick Walterscheidt und Toufik Mehlhoul in die Zange. Sekundenlang ist nur ein Gewimmel von Beinen zu sehen. Dann knallt der Ball mit Wucht gegen die Wand der Turnhalle – abruptes Ende des Angriffs.

Gut aufpassen!

Trainerin Martina Junker hat den Kuddelmuddel genau beobachtet. Nun unterbricht sie. Die vier Spieler, die heute im BFW trainieren, stehen im Halbkreis um sie herum. „Sie müssen rechtzeitig ‚voy’ sagen“, schärft sie ihnen ein: „ Das ‚voy’ muss etwa zwei Meter vor dem Ball kommen. Und Sie müssen gut aufpassen, es kann ja auch sein, dass der Mitspieler den Ball hat.“ Mit ‚voy’ signalisieren die Spieler, dass sie sich auf den Ball zu bewegen – sehen können es die anderen ja nicht.

Es braucht Mut, sich ganz auf sein Gehör zu verlassen,. „Ich spüre schon die Angst, mich in der Halle frei zu bewegen und auf den ballführenden Spieler zuzugehen“, gibt Nabil Mesghouni zu. Er ist seit 16 Jahren blind, war früher begeisterter Fußballer und hat nun wieder damit begonnen. „Fußball hat mich immer gereizt“, sagt er. „Nun habe ich die Möglichkeit, blind weiter zu spielen. „ Das schafft nicht jeder: „ Es haben schon Spieler aufgehört, weil sie Angst hatten“, erzählt Martina Junker. Zusammen mit Blindenfußball-Coach Ansgar Lipecki trainiert sie seit eineinhalb Jahren die blinden Sportler. Nicht nur die Spieler signalisieren ständig ihre Position. Im Ball selbst sind Schellen verborgen, die beim Spiel kräftig Lärm machen. „ Für Anfänger ist ein dänischer Ball am besten“, erklärt Marcel Heim die Unterschiede zwischen den Herstellern und lässt den Ball lässig auf der Spitze des Zeigefingers rotieren: „Der ist schön laut, nicht so wie die brasilianischen.“ Je besser die Spieler werden, desto leiser wird auch das Spiel. „Heute war es ziemlich laut“, findet Heim: „Der nächsthöhere Schritt ist, dass man auf den Feld kaum noch kommuniziert.“

Bei Wettkämpfen verlassen sich die Spieler dafür auf ihre „Rufer“ am Spielfeldrand. Das sind der Trainer, der Torwart sowie ein weiterer Helfer hinter dem gegnerischen Tor. Im Training übernimmt Martina Junker diese Rolle. Ständig informiert sie die Mannschaft über ihre Position auf dem Spielfeld und warnt vor Hindernissen, etwa: „Sie sind recht nah an der Fensterfront.“ Doch im Grunde sind alle auf sich gestellt. „Sobald man bei einem richtigen Spiel auf dem Platz steht, heißt es: Augen zu und durch“, erklärt Marcel Heim, der jüngst in die deutsche Nationalmannschaft berufen wurde. In einer Spielgemeinschaft mit Berlin spielte er bereits in der neu gegründeten Blindenfußball-Bundesliga: Das zusammengewürfelte Team – noch reicht es in Würzburg nicht für eine eigene Mannschaft – kam immerhin auf Platz sechs, und das, ohne jemals vorher zusammen gespielt zu haben. Junker bricht das Angriffstraining ab und dirigiert die Mannschaft vor das Tor – eine Matratze, die hochkant an der Wand lehnt. Mit der Hand klopft sie erst links, dann rechts davon an die Wand, damit die Spieler hören, in welche Richtung sie den Ball schießen müssen. Das spüren sie unheimlich gut: Die meisten Bälle gehen pfeilgerade ins Tor, nur ab und zu muss die Trainerin einen „Pfosten“ korrigieren.

Kopfhörer im Stadion

Wenn sie nicht selbst trainieren, verfolgen Heim, Walterscheidt und Mesghouni gerne die Spiele der Sehenden. Lediglich Toufik Mehlhoul, von Geburt an blind, kann damit nichts anfangen und kickt nur zum eigenen Vergnügen. Doch die anderen haben ihre Favoriten. „Eintracht Frankfurt“, gesteht Patrick Walterscheidt. Das sei irgendwie peinlich, aber es sei nunmal seine Lieblingsmannschaft.

Und alle gehen ins Stadion. „Es gibt in allen Bundesligastadien reservierte Plätze für Blinde und Sehbehinderte“, erklärt Heim, VfB-Stuttgart-Fan. „Man kann das Spiel über Kopfhörer mitverfolgen, das ist ziemlich genial.“ Und Nabil Mesghouni schwärmt: „Dieser Kampf, die Emotionen – wenn Sehende sagen, Fußball interessiert mich nicht, dann kann ich das gar nicht verstehen.“

Stichwort: Blindenfußball
Die Sportart Blindenfußball wird in 21 Ländern ausgeübt, in Deutschland erst seit 2006. Eine Mannschaft besteht aus vier Spielern und einem sehenden Torwart. Alle Feldspieler tragen Augenpflaster und eine sogenannte Schwarzbrille, um Vorteile durch eventuell vorhandene Sehreste auszugleichen. Das Spielfeld misst etwa 40 auf 20 Meter, gespielt wird auf Handballtore. Die Spieldauer beträgt 50 Minuten bei zwei Halbzeiten von je 25 Minuten. In der deutschen Bundesliga, die im März 2008 startete, spielen derzeit acht Mannschaften, darunter ein Team des Hamburger Kultvereins FC St. Pauli und die Spielgemeinschaft Würzburg-Berlin. In der kommenden Saison soll allerdings ein rein Würzburger Team antreten. Es sucht noch Blinde und sehbehinderte Sportler, die Interesse am Fußball haben. Trainiert wird im Berufsförderungswerk Veitshöchheim. Kontakt: sportteam@bfw-wuerzburg.de



zurück zur Übersicht Pressemeldungen