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Pressemeldungen

Berichte aus dem BFW Würzburg

Arbeiten wie ein Sehender - nur Grafik geht nicht
Herta Groh ist blind und arbeitet im Info-Portal der Regierung von Unterfranken
MAIN-ECHO 2008-12-03

Würzburg. - „Regierung von Unterfranken, Groh, guten Morgen.“ Aufmerksam lauscht Herta Groh, Mitarbeiterin im Info-Portal der Würzburger Behörde, in ihr Headset. „Bleiben Sie bitte dran.“ Mit der rechten Hand tippt sie den gewünschten Namen und verbindet – zugleich fährt die Linke über die Metallleiste unterhalb der Tastatur, auf der in wechselnden Mustern winzige Punkte hervorstehen: Brailleschrift. Herta Groh ist blind.

Foto Herta Groh an ihrem Arbeitsplatz

Lediglich hell und dunkel kann sie noch unterscheiden. Seit Mitte August arbeitet die 51-Jährige im Info-Portal. Ihr Arbeitsplatz besteht aus zwei Computern – einer für die Telefonanlage, einer für alle anderen Arbeiten. Da auch ihr Vorgänger blind war, „war alles schon fertig eingerichtet“, erzählt sie. Nur eine der Braillezeilen musste erneuert werden. 10 000 bis 15 000 Euro kostet das inklusive Software, rechnet Herta Groh vor. Mit diesem Hilfsmittel kann sie nahezu alles machen, was auch ein Sehender kann. „Ich kann so arbeiten, wie ich es mir vorstelle. Nur Grafiken gehen nicht.“

Herta Grohs Hauptaufgabe ist die Telefonvermittlung: „Das ist sehr interessant.“ Und manchmal auch spannend: „Viele Anrufer wissen nicht so recht, wo sie eigentlich hinwollen, das muss man dann erst einmal herausbekommen.“ Und immer wieder fragen Anrufer nach ihrem Kontostand: Die Würzburger Sparkasse hat eine ähnliche Telefonnummer wie die Regierung von Unterfranken. An ihrem Arbeitsplatz spielt es keine Rolle, ob Herta Groh sieht: „In keinster Weise benachteiligt“ sei sie. „Viele Leute können sich nicht vorstellen, dass ich am PC arbeite. Aber ich bin genauso schnell und flexibel wie meine Kolleginnen.“ Dabei nutzt sie auch Hilfsmittel wie etwa das dunkelgrüne Braille-Notizgerät. „Darauf schreibe ich mir Stichworte.“ Die schmalen, bräunlichen Streifen mit Brailleschrift, gerade mal fingerbreit, heftet sie als Notizzettel auf ihre Akten. Schon bei der Einschulung wurde ein angeborener grüner Star festgestellt. Als kaufmännische Angestellte arbeitete Herta Groh später im Büro, bis sie die Schreibmaschine nicht mehr bedienen konnte. Es folgte eine Familien- und Erziehungspause, doch bald war klar: „Ich möchte wieder arbeiten.“

Nach der Umschulung zur Telekommunikations-Operatorin und zur Fachkraft Telefonmarketing am Berufsförderungswerk Würzburg erhielt Herta Groh jedoch nur eines: Absage über Absage. Eine Blindbewerbung bei der Regierung von Unterfranken hatte schließlich Erfolg: Mitte 2008, erfuhr sie, sei die Stelle im Info-Portal neu zu besetzen. Nach einer erneuten Bewerbung und drei Wochen Hospitanz hielt sie den Arbeitsvertrag in den Händen: „Das war einer der schönsten Tage.“ „Pudelwohl“ fühle die sich am Arbeitsplatz, sagt Herta Groh am heutigen „Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung“. Und will sich über den Telefondienst hinaus einbringen: „Ich kann auch kleine Schreibarbeiten erledigen, wenn mal ein Engpass ist.“

Kerstin Schmeiser-Weiß



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