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Pressemeldungen

Berichte aus dem BFW Würzburg

Über dem Rasen liegt ungewohnte Ruhe
Blindenfußball erfüllt beim Bundesliga-Spieltag in Würzburg seine integrative Funktion
MAIN-POST 2010-04-15

Fußball verbindet und schafft Perspektiven. So auch am vergangenen Wochenende, als die Blindenfußball-Bundesliga (DBFL) in Würzburg Halt machte. Auf dem Sportgelände der Universität am Hubland jagten neun Teams am zweiten Spieltag dem rasselnden Ball nach. Den Heimvorteil konnten die Spieler des Berufsförderungswerkes (BFW) Würzburg nur bedingt nutzen. Das Team unterlag den favorisierten Gegnern aus Berlin und Stuttgart jeweils mit 0:1. Die Stimmung bei den Würzburger Spielern, Funktionären und Zuschauern war trotzdem überraschend positiv

Spielszene aus dem Blindenfußball

Eigentlich ist alles wie in der „richtigen“ Bundesliga: Das Umfeld mit Audiokommentatoren und speziell ausgebildeten Schiedsrichtern ist professionell, die Spieler stellen sich nach dem Aufwärmen unter dem Jubel der Zuschauer am Mittelkreis auf und winken in die Menge. Nach dem Verlesen der Mannschaftsaufstellung und kräftigem Shakehands geht es los. Ungewöhnlich ist allerdings, dass sich die knapp 100 Zuschauer wie beim Tennis ruhig verhalten. Schließlich sollen die Spieler die Anweisungen der Trainer und Guides hinter den Toren verstehen können.

So auch im letzten Spiel des Würzburger Bundesliga-Wochenendes, als die Gastgeber auf den amtierenden deutschen Meister aus Stuttgart treffen. Das BFW-Team steht hinten kompakt und versucht die offensiven Stuttgarter mit körperbetontem Abwehrverhalten in Schach zu halten. Dabei sorgen die spritzigen Vorstöße des starken Cengiz Koparan immer wieder für Entlastung. In der Mitte der ersten Hälfte geht das Team aus Stuttgart in Führung. Der schwäbische Spielmacher, Vedat Sarikaya, drischt den Ball von halblinks kommend platziert in die linke Ecke des Würzburger Tores. Bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass er weder das Tor noch den Ball sehen kann.

Mit dem 0:1 geht es in die Halbzeit. Die Halbzeitansprache des Würzburger Betreuerteams fällt sehr kurz aus: „Genau so weitermachen, Jungs. Ab jetzt können wir nur noch gewinnen!“ Die Spieler gehen nach einem kurzen Check der Schwarzbrillen durch die Schiedsrichter wieder raus auf das Feld. Die zweite Halbzeit beginnt mit einem Sturmlauf der Stuttgarter, die immer wieder am starken Würzburger Torwart Matthias Küsters scheitern. Das Spiel wird jetzt hektisch, die Fouls häufen sich, es fällt auch mal das eine oder andere böse Wort. Das kennt man ja aus der Bundesliga der Sehenden. „Respekt und Fairness werden bei uns groß geschrieben. Trotzdem geht es beim Blindenfußball zur Sache, da wird keiner in Watte eingepackt“, sagt der talentierteste Würzburger, Sebastian Schäfer, der sich trotz Verletzung warm läuft. Nach seiner Einwechslung hat er kurz vor Schluss die große Möglichkeit, per Sechsmeter den Ausgleich zu erzielen. Der Guide hinter dem Tor klopft zur akustischen Orientierung beide Pfosten an und Schäfer schießt den Ball mit der Spitze seines Fußes auf den Kasten. Durch diese Schusstechnik wird der Schuss für die sehenden Torhüter aus kurzer Entfernung zum unberechenbaren Geschoss. Doch der Stuttgarter Keeper Sascha Müller pariert glänzend und hält den Vorsprung des Vorjahresmeisters.

Nach dem Abpfiff macht sich bei den Akteuren und den Zuschauern eine bemerkenswerte Begeisterung breit. Großzügige Schulterklopfer und anerkennende Worte der Gegner sind der Lohn der starken Leistung. „Wir sind mit dem gesamten Spielverlauf hochzufrieden. Das war eine ganz starke Mannschaftsleistung, die uns sogar fast einen Punkt eingebracht hätte“, sagt der völlig erschöpfte Würzburger Mittelfeldspieler Marcel Heim. Sein Abwehrkollege Jens Pleier ergänzt ironisch: „Wir müssen uns jetzt nur damit abfinden, dass wir nicht mehr Deutscher Meister werden können.“ Dass es mit der Meisterschaft nicht klappen würde, war Pleier aber von Beginn an klar: „Unser Ziel ist es, am Ende der Saison Platz sechs zu belegen. Die Punkte dafür müssen wir in den nächsten Spielen holen. Aber heute wird erstmal gefeiert.“

Sportler, die eine Niederlage ausgelassen bejubeln – das erlebt man sonst nur in der Champions League der sehenden Fußballer bei Rückspielen mit Auswärtstorregel. Beim Blindenfußball ist dies als erklärtes Ziel an der Tagesordnung. „Der Blindenfußball soll vor allem eine integrative Funktion übernehmen und das Selbstbewusstsein der sehbehinderten Akteure stärken“, betont Nationaltrainer Uli Pfisterer. Dennoch spiele auch die Leistung eine große Rolle. „Wir wollen die Spieler fordern und ihren sportlichen Ehrgeiz wecken. Dabei sollen sie sich wie 'normale' Sportler fühlen“, fügt er hinzu. Gelungen ist das ganz besonders bei Sebastian Schäfer, den Pfisterer in den Kreis der Deutschen Nationalmannschaft berufen hat. Noch diese Woche geht es für Schäfer mit dem Tross des Nationalkaders nach England, wo man zwei Freundschaftsspiele gegen das Nationalteam der Gastgeber bestreitet. „Die Engländer sind Vize-Europameister und der englische Verband hat uns 2006 dabei geholfen, die Infrastruktur unserer Bundesliga aufzubauen. Nun wollen wir sehen, ob es Deutschland nach der kurzen Entwicklungsphase bereits mit der Weltspitze aufnehmen kann. Vielleicht gewinnen wir ja im Sechsmeterschießen, da sind die Engländer allgemein sehr anfällig“, erklärt Pfisterer mit einem entspannten Lächeln im Gesicht.



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