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Pressemeldungen

Berichte aus dem BFW Würzburg

Kicken ohne Kucken
Probetraining bei den blinden Bundesliga-Fußballern aus Veitshöchheim
Süddeutsche Zeitung 2010-07-26

Veitshöchheim – Die erste Anordnung des Trainers klingt machbar. Im Detail lautet der Auftrag, vom Mittelkreis aus zur Bande zu finden. Zehn Meter geradeaus laufen, mehr erfordert die Sache nicht, dort drüben steht sie ja schon, die Bande, in voller weißer Pracht.

Spielszene Blindenfussball

„Der Ball wäre jetzt noch zu viel“, sagt Ansgar Lipecki, er hilft beim Aufsetzen der Schwarzbrille, bestimmt wischt er einem vor dem Gesicht herum wie Gottschalk den Kandidaten bei „Wetten dass“. Die Welt ist auf einmal stockfinster, Coach Lipecki ist weg und die Bande obendrein. Beim Reden hat man sich einmal kurz umgedreht, das hätte man nicht tun sollen, so hat sich auch die Orientierung verflüchtigt. Lipecki sagt, man möge sich doch bitte nicht allzu sehr weh tun. In Südamerika, England und Spanien wird schon seit den sechziger Jahren Blindenfußball gespielt, in Brasilien kommen zu den Ligaspielen tausende Zuschauer. In Deutschland ist es noch ein junger Sport. 2006 luden englische Trainer zu einem Seminar nach Berlin, der Würzburger Sportlehrer Lipecki war dabei. Inzwischen ist er also selbst Trainer geworden, Bundesliga-Trainer sogar. „Wir wollen diesen tollen Sport bei uns etablieren“, hat er eben noch gesagt, jetzt steht er hinter der Bande und sagt bloß: „Hier. Hier. Hier.“ Die Bande bliebe auf ewig unentdecktes Land ohne dieses „Hier“, aus dem folgenden Zusammenprall geht sie als klarer Sieger hervor.

Das Berufsförderungswerk Würzburg (BFW) ist ein paar Kilometer vor der Stadt in Veitshöchheim zu Hause, über 200 Menschen lernen dort, was sie nach einer meist plötzlich eingetretenen Erblindung für ein neues Leben brauchen: die Punktschrift, den Umgang mit dem Langstock, einen praktikablen Beruf. Am Abend nach den Kursen können sie in die Sauna gehen, ins Schwimmbad und in die hauseigene Disco. Oder sie gehen Fußballspielen. Das einzige bayerische Team der Blindenfußball-Bundesliga trainiert auf einem kleinen Platz hinter dem Hauptgebäude, das Feld misst 20 mal 40 Meter, Wettkampfnorm. „Der Däne ist platt“, ruft einer, es steht zu befürchten, dass irgendwo ein dänischer Sportsfreund keuchend im Gras liegt. „Nehmen wir den Brasilianer“, heißt es plötzlich, dieser Blindenfußball ist offenbar eine ziemlich wilde Angelegenheit.

Aber da liegt kein Däne, Sebastian Schäfer hat ihn in der Hand. Der Däne ist ein Ball, und Schäfer, den der Trainer als baldigen Doktor der Rechtswissenschaften und einen seiner besten Spieler vorstellt, erläutert die Unterschiede zwischen den Spielgeräten verschiedener Herkunft. Der Däne springt demnach – sofern er nicht gerade platt ist – nicht besonders hoch ab, der Däne wird geschätzt deshalb. „Hohe Bälle“, sagt Schäfer, „sind ja kaum zu kontrollieren für uns“. Der Ball ist beim Blindenfußball spürbar schwerer als normal, innen sind Hartplastikplättchen eingenäht, er rasselt beim Rollen. Blindenfußball spielt man mit den Füßen und den Ohren.

Der Teil mit den Ohren erweist sich als beschwerlich am Anfang. Coach Lipecki hat geduldig die Fußstellung für die Ballannahme dargelegt, „Hacken zusammen, Spitzen V-förmig auseinander“. Die technisch korrekte Ausführung seiner Vorgaben nutzt indes wenig, wenn man die Entgegennahme des Balles einen Meter neben dessen Laufbahn plant.

Was nützt alle Technik, wenn sie einen Meter neben dem Ball angewandt wird?

Es hat zu regnen begonnen in Veitshöchheim, die kleine Trainingsgruppe, zehn Leute etwa, zieht um in die Halle. Auf dem Weg erzählt Marcel Heim seine Geschichte. Er ist 25 Jahre alt, ein kräftiger Mann mit sanftem Lächeln und roten Haaren. Er sagt, dass er jetzt eigentlich in der Kombüse eines Kreuzfahrtschiffes stehen sollte, das war sein Traum. Dass er Koch gelernt hat in einem Stuttgarter Sterne-Haus, dass er dann innerhalb von sechs Monaten sein Augenlicht verloren hat durch einen Gendefekt. Dass er jetzt eben nicht Schiffskoch werden wird, sondern Programmierer, und dass er einen neuen Traum hat: die paralympischen Spiele.

Heim hat es bereits in den Dunstkreis der deutschen Nationalmannschaft geschafft, einen besseren Lehrer könnte mansich nicht wünschen für den Einsteigerkurs im Sechsmeter-Schießen. Auf YouTube gibt es ein Video von ihm, darin knallt er einen Sechsmeter ins Kreuzeck, 25 000 Mal wurde das Filmchen angeklickt. Das mit dem Kreuzeck gestaltet sich nun schon deshalb schwierig, weil man weder den Ball noch das Tor sieht, und damit sind nur die gröbsten Probleme benannt. Das Tor hat Handballgröße, zwei Mal drei Meter, zu allem Überfluss wird es von einem sehenden Torhüter bewacht. Der muss zumindest erst mal gegen die Pfosten klopfen und dann „Mitte“ rufen.

„Jetzt bist du orientiert“, verkündet Heim. Er ist da vielleicht etwas zu optimistisch.

„Zuerst bringt man das Standbein in Stellung“, sagt er, „dann holt man mit dem Schussbein aus“. Wenn der Ball ins Netz geht, höre man das schon. Man hört natürlich: nichts. Blindenfußball spielt man fünf gegen fünf, ein Stimmengewirr erfüllt die Halle. Bloß die Zuschauer müssen schweigen, Anfeuerungen würden nur stören. Die Torhüter dirigieren die Abwehr, sogenannte „Guides“ hinter den Toren den Sturm. „Zehn-eins“, brüllt der Guide, das bedeutet: Noch zehn Meter bis zum Tor, noch ein Gegenspieler im Weg. Wer sich dem ballführenden Spieler nähert, oder zumindest glaubt, dies zu tun, muss ständig laut „voy“ rufen, das ist Spanisch und heißt „ich komme“. Zusammenstöße sollen so verhindert werden, das klappt nicht immer. Auch, weil die Bande genau wie die Hallenwand Positionsmeldungen in jedweder Sprache einfach ignoriert.

Zum Schluss hat der Trainer Zweikampfübungen angesetzt, da gehe es „ganz schön zur Sache“, warnt Marcel Heim. Beim Blindenfußball könne man ja wirklich nichts dafür, wenn man mal Gegners Fuß trifft statt den Ball. Coach Lipecki hat Schienbeinschoner zur Hand, und eine Art Schaumstoff-Helm für den Kopf. Manche haben sich ihren Helm mit dem Teppichmesser zugeschnitten, andere tragen Maßanfertigungen für Epileptiker. „Guter Schutz ist ein Muss, es tut auch so weh genug“, sagt Lipecki, und dieser Meinung kann man sich nur vollumfänglich anschließen.



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