Sprungnavigation
Von hier aus können Sie direkt zu folgenden Bereichen springen:

Herzlich willkommen im Berufsförderungswerk Würzburg

Pressemeldungen

Berichte aus dem BFW Würzburg

Leben mit Stock und Blindenschrift
Blinder Informatiklehrer berichtet Grundschülern in Theilheim von seinem Alltag
MAINPOST

THEILHEIM - Am nettesten ist es, wenn die Leute ihn ansprechen, Sagt Rainer Eggebrecht. Schließlich hört er ihre Schritte und weiß, dass jemand in der Nähe ist. An der Stimme erkennt er dann, ob er einem Mann, einer Frau oder einem Kind begegnet ist, wie groß und wie alt die Person ist und wie sie sich fühlt. Aber die wenigsten sprechen ihn tatsächlich an. So hat er es schon oft erlebt, dass die Gespräche plötzlich verstum¬men, wenn er an einer Bushaltestelle ankommt. "Die Menschen wissen einfach nicht genau, wie sie mit mir umgehen sollen", erklärt er. Der 48-jährige Informatiklehrer des Berufsförderungswerkes (BFW) Würzburg ist blind. Auf Einladung der Grundschule Theilheim erzählte er den Dritt- und Viertklässlern aus seinem Alltag.

Foto der Schulklasse mit Rainer Eggebrecht

Als es passierte, war er gerade 33 Jahre alt. Er war beruflich erfolgreich als Metallograf, einem seltenen Fach-beruf, bei dem er neuartige Werkstoffe mit dem Mikroskop aufnahm. "Bei meiner Arbeit musste ich mich unbedingt auf meine Augen verlassen", sagt er. Doch von einer Sekunde auf die andere änderte sich sein Leben komplett: Er war auf einem kerzengerade Autobahnstück zwischen Aschaffenburg und Miltenberg unterwegs. Was damals genau geschah, weiß er bis heute nicht. Sein Auto verlor die Spur und überchlug sich. Möglicherweise war ein Reifen geplatzt.

Als er nach einigen Tagen im Koma erstmals wieder die Augen öffnete, war für ihn nichts mehr wie vorher: Es blieb dunkel. Er war vollblind. Sein Sehnerv war durch eine Schädelbasisfraktur zerstört. Seither ist er einer von 150 000 blinden Menschen in ganz Deutschland. In Unterfranken sind es rund 1500. Als blind gilt ein Mensch, wenn er nie mehr als zwei Prozent von dem sieht, was einer mit normaler Sehkraft erkennt.

"Nach dem Unfall habe ich nur noch auf den Tod gewartet", sagte er. "Ich hatte riesiges Glück, dass ich damals nicht wie viele andere in ein tiefes Loch gefallen bin." Schrift für Schritt habe er jedoch gemerkt, wie viel er auch als Blinder noch von dem tun kann, was er aus seinem früheren Leben gewohnt war und hat allmählich seine Lebensfreude zurückgewonnen.

Zunächst musste er vieles neu lernen. So traute er sich anfangs nur ängstlich nach draußen. „Ich fühlte mich verloren, wenn ich allein unterwegs war." Um das nachzufühlen, empfahl er den Kindern, mit geschlossenen Augen geradeaus zu laufen. Selber gelingt ihm das heute problemlos. Dabei hilft ihm sein Teleskopstock, den er in Pendelbewegungen vor sich herführt. "Der Stock ist für mich wie ein verlängertes Auge", erklärt er. Auch helfen ihm die vielen Kirchen und Brunnen. Schon von weitem hört er, welche Richtung er nehmen muss. Außerdem besitzt er seit kurzem ein Navigationsgerät, das ihm den Weg vorgibt. Dennoch lernt er weiterhin wichtige Strecken und ihre Hindernisse auswendig.

Heute kümmert er sich als Lehrer für Informatik für das in Veitshöchheim beheimatete Berufsförderungswerk Würzburg um die berufliche Wiedereingliederung von erwachsenen Blinden und Sehbehinderten. Möglich ist dies mit Hilfe der Blindenschrift und der nach deren Erfinder benannten „Braille-Zeile". Der „Bildschirm der Blinden" ist unterhalb der Computer-Tastatur angebracht und ermöglicht es ihnen, den Monitorinhalt nachzufühlen.



zurück zur Übersicht Pressemeldungen