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Pressemeldungen

Berichte aus dem BFW Würzburg

Das Rascheln im Dunkeln
Blindenfußball am BFW Würzburg
MAIN-POT 2006-11-24

Veitshöchheim - (Maxim Stöckigt) - Auch Blinde und Sehbehinderte können jetzt Fußball spielen. Im Würzburger Berufsförderungswerk in Veitshöchheim wird seit einem halben Jahr gekickt. Wie das funktioniert? Ein Besuch und ein Selbstversuch.

Foto einer Spielszene

Foto eines Spielers mit Trainer

Ansgar Lipecki (41) zeigt mir den Ball. Er schüttelt ihn und es hört sich an, als schüttelt er eine Rassel. Er lässt die Kugel Boden fallen. Sie fällt wie ein Stein und federt plump. "Das ist der offizielle Ball", meint Lipecki: "Wenn er raschelt, hört man ihn."

Lipecki gehört zu einer raren Spezies. Er ist einer von nur zwei Trainern in Deutschland, die im Blindenfußball ausgebildet wurden. Nun betreut er jeden Dienstag im Würzburger Berufsförderungswerk (BFW) in Veitshöchheim zehn bis 15 Sehbehinderte und Blinde, die trotz Beeinträchtigung Fußball spielen möchten. Er trägt ein schwarzes T-Shirt mit der Schrift: "Stark ist, wer mehr Träume hat als die Realität zerstören kann."

Wo ist das Tor, wo der Ball?

Fußball ohne die Visualität? Der Sport, in dem es um präzise Zuspiele geht, um Abstimmung, um Zuordnung? Geht das? Man kann wohl nur eine Vorstellung davon gewinnen, wenn man es einfach selbst ausprobiert. Ich streife mir also die Augenbinde über und versuche mitzuspielen. Es erinnert ans Topfschlagen. Der Torwart, der einzige sehende Akteur, gibt mir dauernd Anweisungen: Drei Schritte rechts, einer nach hinten, einer nach links. Doch, wie soll ich so zum Ball kommen? Ich konzentriere mich aufs Rascheln im Dunkeln. Es kommt näher und ich irre vorsichtig dem Geräusch entgegen. Jeden Moment rechne ich damit, irgendwo anzustoßen. Plötzlich liegt der Ball am Fuß. Doch jetzt? Wo ist das Tor? Soll ich jetzt dribbeln, täuschen, passen? Ins Schwarze rufe ich hilflos "wo seid ihr?" und meine die Mitspieler. Schon ist der Ball weg. Die Verfolgung der Rassel beginnt aufs Neue. Diese Verlorensein frustriert schnell. Es ist wie Autofahren ohne Lenkrad.

Irgendwann hebt man die Binde ab und fragt sich: Wie soll man nur so Fußball spielen? Das hat mit dem Spiel, das man kennt, nichts mehr zu tun. Denn es ist ein ganz anderes Spiel, es geht um Intuition, um Koordination, um Phantasie. Natürlich fehlte mir bei dem kurzen Ausflug in diese Welt dafür die Scharfsinnigkeit.

In seinem Büro zeigt Marcus Meier, welch Niveau der Blindenfußball annehmen kann. Meier (41) ist für die Pressearbeit des BFW zuständig und zeigt mir auf dem PC ein Video von Spanien gegen Brasilien. Alle Spieler tragen Augenbinden, egal ob sehbehindert oder blind, und führen den Ball dennoch eng, virtuos und flink.

"Es ist, als wenn man ein Buch liest und sich die Figuren vorstellt"

Von solchen Dimensionen ist man in Deutschland weit entfernt. Bereits seit den Neunziger Jahren gibt es zwar Welt- und Europameisterschaften für Blinde. Jedoch nicht in diesem Land, hierzulande gilt das Torball als populärste Blindensportart. Erst jetzt beginnt sich der Fußball zu finden, vorsichtig sammeln sich Teams; eines davon auch in Würzburg. Bald soll ein Spielbetrieb beginnen und ein Nationalteam folgen. Meier sagt angesichts noch überschaubarer Spielerzahlen: "Es dürfte wohl leicht sein, Nationalspieler zu werden."

Die Leute, die Blindenfußball praktizieren, waren nicht von Geburt an blind oder sehbehindert. Ihr Augenlicht wurde erst durch Erkrankungen oder Unfälle geschädigt. So wie bei Antonio Lavdas (24), der beim BFW einer der Emsigen in der Halle ist. Der gebürtige Grieche kam mit neun Jahren nach Aachen und spielte sogar in der Jugend der Alemannia - damals noch Regionalligist. Mit 14 verunglückte er auf der Autobahn. Als er im Krankenhaus aufwachte und der Sehnerv gerissen war, dachte er zunächst: "Jemand hat vergessen, die Rollos hochzuziehen." Die Rollos gingen aber nicht mehr hoch. Lavdas: "Man ist zwei oder drei Wochen in einem Schockzustand und fühlt nichts, weder Wut noch Trauer. Danach erst beginnt sich der Körper umzustellen."

Das Spiel ist kein Zufall

Dieses Jahr fand Lavdas zum BFW, wo sich blind und sehbehindert gewordene Menschen umschulen lassen können. Zurzeit absolviert er eine Ausbildung zum Informatikkaufmann und arbeitet mit Sprachausgabe und Punktschrifttastatur. Endlich spielt er auch wieder Fußball - die Leidenschaft, die ihm in der Jugend mit dem Augenlicht genommen wurde. "Es fehlt an Ordnung und Taktik", sagt Lavdas übers Kicken ohne Sehen. "Aber das Spiel ist kein Zufall. Ich kontrolliere den Ball." Er erklärt, nun sind eben andere Eigenschaften gefragt, wie Gehör und Antizipation.

Behilflich ist die Konstruktion einer Gedankenwelt. Wenn Lavdas mit jemanden ein Gespräch führt, entwickelt er anhand des Stimmtons ein Aussehen der Person in seinem Kopf. In diesem Interview liegt Lavdas bei mir verblüffend nahe; er errät die Harre (kurz und dunkel)) und Augenfarbe (braun). Er erklärt den kreativen Vorgang so: "Es ist, als wenn man ein Buch liest und sich die Figuren vorstellt."



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