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Pressemeldungen

Berichte aus dem BFW Würzburg

Mitten ins Schwarze
Marcel Heim wurde vor wenigen Jahren blind und musste sein Leben völlig umkrempeln
EPV - EVANGELISCHER PRESSE-DIENST - www.epv.de

Junge Männer rennen einem Fußball hinterher. Alltag in Deutschland. Und doch ist hier im unterfränkischen Veitshöchheim (Kreis Würzburg) alles anders. "Voy! Voy!" rufen sich die Spieler in der Sporthalle des Berufsförderungswerkes Würzburg zu. Sie laufen direkt auf Marcel Heim zu, der gekonnt den Ball um sie herumdribbelt. Das Spielfeld ist hell erleuchtet von den Neonröhren an der Decke. Doch eigentlich könnte es für die Spieler in der Halle auch stockdunkel sein. Denn die Männer spielen Blindenfußball.

Foto Marcel Heim

Marcel sieht fast nichts mehr. Seit seinem 20. Lebensjahr ist er blind. Die Jahre zuvor wurde sein Augenlicht immer schwächer. Durch Sehnervenschwund, einer vererbbaren Krankheit, verlor er mehr als 99 Prozent seiner Sehkraft. "Schon meine Oma und mein älterer Bruder sind so erblindet", sagt Marcel. Er habe daher schon lange gewusst, "dass ich mit großer Wahrscheinlichkeit auch blind werde". Als er mit 20 Jahren seine Ausbildung zum Koch beendet hatte, war es so weit. Er bemerkte einen kleinen schwarzen Punkt in seinem Sichtfeld, der von Tag zu Tag wuchs.

In nur sechs Monaten verlor Marcel seine Sehkraft. Ein blinder Koch? Geht nicht. Marcel war mit 20 Jahren berufsunfähig. Doch der junge Mann gab nicht auf. Er hatte bei seinem Bruder erlebt, wie der sein Leben als Blinder neu geordnet hat. "Er hatte eines der besten Abiturzeugnisse seines Jahrgangs und war ein hervorragender Student", erzählt Marcel, heute 26. Auch er ließ sich nicht unterkriegen. "Ich habe gesehen, dass Blindsein kein Weltuntergang ist, sondern dass man immer noch voll im Leben stehen kann", sagt der gebürtige Schwabe.

Vom Arbeitsamt wurde er von seiner Heimatstadt Stuttgart nach Würzburg geschickt. Dort gibt es nämlich eines von bundesweit drei Berufsförderungswerken (BFW) für Blinde und Sehbehinderte. Das BFW bietet Erwachsenen, die durch einen Unfall oder eine Krankheit ihr Augenlicht verloren haben, mit Umschulungen und Freizeitaktivitäten eine neue Perspektive, sagt Marcus Meier vom BFW.

Für Marcel war der Weg aus der Welt der Sehenden in die der Blinden nicht frei von Problemen. "Anfangs war es natürlich schwer", räumt er ein. Vor allem das Lernen der Braille, der Blindenschrift, sei für ihn ein Problem gewesen. "Ich habe meine Blindheit aber schnell akzeptiert und habe mich deshalb auch schnell in meinem neuen Leben zurecht gefunden", sagt er heute über diese Zeit. Mittlerweile sind mehr als fünf Jahre vergangen, aus dem Koch Marcel wurde ein Fachinformatiker . "Ich komme gut ohne meinen Sehsinn aus", erklärt er.

Er sehe in seinem "blinden Leben" keine Einschränkungen, er habe sich schnell an die fremde Stadt gewöhnt, die er mit seinem Blindenstock erkundete. Fremde Hilfe will er nur selten beanspruchen. "Beim Einkaufen habe ich noch nie eine Verkäuferin um Hilfe gefragt, obwohl alle Kartons für mich gleich sind", sagt er. Daher mache er solche Erledigungen oft gemeinsam mit sehenden Freunden. Zuhause könne man sich indes ganz leicht helfen, indem man in die Packung fasse und fühle, ob nun Reis oder was auch immer darin steckt.

Trifft man Marcel, erlebt man einen selbstbewussten jungen Mann. "Das hat mir der Blindenfußball gegeben", sagt er. Dabei lerne man "mutig ins Schwarze zu rennen", sich auch ohne Sehsinn zu orientieren und seinen Körper besser zu koordinieren. Seit 2006 spielt Marcel schon Blindenfußball, zeitweilig war er sogar Spieler in der Nationalmannschaft. Seit 2010 ist er Kapitän der einzigen Blindenfußballmannschaft Bayerns. Bundesweit gibt es nur neun Mannschaften in dieser Sportart.

"Unter Blindenfußball können sich die meisten zunächst nur wenig vorstellen", erläutert er. Dabei gebe es kaum Unterschiede zum Fußball Sehender. Nur: "Das Feld ist kleiner, die Spielzeit kürzer und es gibt weniger Spieler", sagt er: "Und, ach ja, der Ball scheppert." Im runden Leder stecken kleine Metallplättchen, damit jeder weiß, wo sich der Ball befindet. Wegen der Verletzungsgefahr tragen alle einen Kopfschutz und jeder Spieler hat eine blickdichte Maske auf, damit auch gewährleistet ist, dass jeder Feldspieler absolut nichts sieht. "Der Einzige, der etwas sehen darf, ist der Torwart", berichtet Marcel Heim.

Um die Gefahr eines Zusammenstoßes zu verringern, müssen alle Spieler "Voy!" rufen, wenn sie in Richtung Ball laufen. Das ist spanisch und heißt "Ich komme". Blindenfußball ist in Deutschland noch eine relativ junge Sportart, eine eigene Liga gibt es erst seit 2008. In Ländern wie Spanien oder Brasilien (dem aktuellen Weltmeister im Blindenfußball) gibt es Blindenfußball hingegen schon seit vielen Jahrzehnten. Das erklärt auch die spanischen "Voy"-Signalrufe auf dem Feld, die weltweit verwendet werden.



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