Sprungnavigation
Von hier aus können Sie direkt zu folgenden Bereichen springen:

Herzlich willkommen im Berufsförderungswerk Würzburg

Pressemeldungen

Berichte aus dem BFW Würzburg

Wenn nur der Tunnelblick übrig bleibt
Vom Leben mit einer langsamen Erblindung: Daniel Kugel, 26 Jahre alt, hat „Retinitis Pigmentosa“
OBERMAIN-TAGBLATT

UNTERLANGENSTADT. - Von den vielen Schlammschlacht-Sendungen im Fernsehen hält Daniel Kugel sowieso nichts. Aber das Autofahren, das ihm ein Stück Unabhängigkeit gibt, das wird ihm fehlen: Der 26-Jährige hat die Augenkrankheit „Retinitis Pigmentosa“ und muss damit rechnen, in zehn Jahren blind zu sein. Ehrgeizig und bewundernswert hat der gelernte Koch eine Umschulung zum Verwaltungsfachangestellten begonnen und kann sich gut vorstellen, sich danach politisch zu engagieren.

Foto Daniel Kugel

Ungefähr 40 000 Frauen und Männer in Deutschland leiden an dieser erblichen, bisher unheilbaren Krankheit, die verschiedene Formen haben kann. Meist tritt im jüngeren oder mittleren Alter zunächst die Nachtblindheit ein, das Gesichtsfeld verändert sich, das Kontrast- und Farbsehen und später auch die Sehschärfe verschlechtern sich. Als ein kleiner Rest des Sehvermögens verbleibt der „Tunnelblick“.

Bei Daniel Kugel gab es die ersten Anzeichen vor etwa sechs Jahren. Er war zwar darauf gefasst, auch sein Vater und seine Oma haben eine „Retinitis Pigmentosa“. Aber das Erste, was er gedacht habe, sei trotzdem das Wort „Sch?“ gewesen. „Schlimmer wurde es vor einem Jahr im Mai. Beim Autofahren bin ich nachts immer mehr von anderen Fahrzeugen geblendet worden“, erzählt der junge Mann. Seitdem registriert er sowohl Schübe als auch eine schleichende Verschlechterung, ab und zu plagt ihn ein „gewaltiger, unangenehmer Augendruck“.

„Ich bin immer noch am Verdauen“, hat der junge Mann auch mal schlechte Tage, an denen er dann alle und alles verflucht. Aber unter dem Strich überwiegen bei ihm der Optimismus und Tatendrang. Daniel Kugel lacht gerne und hat das Lachen überhaupt zu seiner Lebensphilosophie gemacht. Nicht nur beruflich packt er seine Ziele energisch an: Von seinen angefutterten 150 Kilo („Berufskrankheit bei Köchen“) hat er in jüngster Zeit, auch durch Sport, beachtliche 35 Kilogramm abgespeckt. Sein Rücken macht ihm nun deutlich weniger Probleme.

Daniel Kugel stellt einen dicken Ordner auf den Tisch. Er versucht, vor allem über das Internet, alles über seine Krankheit herauszukriegen und zu sammeln. In Kürze bekommt er eine getönte Spezialbrille. Er weiß von Tabletten, die noch in den Forschungsanfängen sind und die den Krankheitsfortschritt stoppen sollen. Auch gibt es Experimente mit implantierten Mikro-Chips, die er interessiert verfolgt: „Ich bin offen für alles, wenn es mir hilft.“ Aber eins möchte Daniel Kugel nicht sein: Versuchskaninchen.

Durch einen Reha-Berater bei der Agentur für Arbeit hat Daniel Kugel den Tipp für die Umschulungsmöglichkeit beim „Berufsförderungszentrum für Blinde und Sehbehinderte Würzburg“ (BFW) mit Sitz in Veitshöchheim bekommen. Er hat sich dort über die verschiedenen Ausbildungszweige informiert und sich die Perspektive, später Verwaltungsaufgaben zu übernehmen, ausgewählt. „Langfristig gesehen ist das ein blindengerechter Beruf“, war er schon gespannt auf den Unterricht, der im September losging und der ihm sehr gut gefällt. Koch sei er sehr gerne gewesen, aber Daniel Kugel hat dieses Kapitel in seinem Leben abgeschlossen. Er habe sich da zielstrebig hochgearbeitet, zuletzt arbeitete er in Schweinfurt in der Kantine der US-Armee, wo sein Know-how mit einer hohen Auszeichnung gewürdigt wurde. Aber mit eingeschränktem Sehen sei das Hantieren mit Küchenmaschinen viel zu gefährlich. Die zunächst ungewisse Zukunft sei für ihn „ein gewaltiger Druck im Bauch“ gewesen.

Nach der zweijährigen Umschulung am Bildungszentrum für Blinde und Sehbehinderte hofft Daniel Kugel auf einen heimatnahen Arbeitsplatz. „Heimat ist Heimat, das ist halt so“, sagt er. Auch möchte er gerne eine Familie gründen. Er fühlt sich wohl im Häuschen am Ortsrand von Unterlangenstadt mit viel Grün drum herum und dem fantastischen Fernblick ins Maintal.

Nach seiner Kindheit und Jugendzeit in Weidhausen hat Daniel Kugel die vergangenen zehn Jahre in der Region Rhön-Grabfeld gelebt. Vor fünf Monaten ist er mit Mutter, Stiefvater und Bruder (14) wieder zurück in die Gegend gezogen. „Die Clique von früher gibt‘s noch“, freut er sich sehr. Die alten Freunde würden hundertprozentig hinter ihm stehen. Außerdem seien die Zugverbindungen von Redwitz aus bestens. Schließlich werde es mit dem Autofahren für ihn immer schwieriger.

So manche Dinge werden in absehbarer Zeit eben nicht mehr funktionieren, das weiß er. Aber geht klug damit um. Zwei wichtige Charaktereigenschaften hat Daniel Kugel nämlich von seinen Eltern mit auf den Weg bekommen: „Von meiner Mutter hab ich das Temperament und den Ehrgeiz, von meinem Vater die Ruhe.“ Er macht einen glücklichen und ausgeglichenen Eindruck.



zurück zur Übersicht Pressemeldungen