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Pressemeldungen

Berichte aus dem BFW Würzburg

Das Handicap fest im Griff
Jutta Neddermeyer hat gelernt, mit ihrer Blindheit zu leben – Der Computer hilft dabei
MAIN-POST Würzburg

WÜRZBURG - Für Sehende ist es schwer vorstellbar, was es bedeutet blind zu sein. Ein selbstständiges Leben mit einer starken Sehbehinderung erscheint ausgeschlossen. Doch trotz der vielen Hindernisse meistern viele blinde und sehbehinderte Menschen ihren Alltag und ihren Beruf ohne fremde Hilfe. Es ist dunkel. Zappenduster, umgenau zu sein. Augen zu – Augen auf. Es macht keinen Unterschied.

Das Gefühl ist bedrückend. Die Kinder klammern sich fest an ihren Vordermann, um nicht im Dunkeln verloren zu gehen. So werden sie in kleinen Grüppchen zu den Tischen und Stühlen geführt, die sich irgendwo in dem unbekannten Raum befinden. „Immer auf dem Teppich bleiben“, rät ihnen Jutta Neddermeyer. Der Teppich auf dem Boden hilft, sich zu orientieren. Heute ist es die vierte Klasse der Ganztagsschule Heuchelhof. Sie besuchen das Café Blind Date im Kilianeum in Würzburg.

Blind Date? Ja, aber hier ist man nicht auf der Suche nach seinem zukünftigen Lebenspartner, das wäre für eine vierte Klasse ungeeignet. Die Kinder sind gekommen, um zu erleben, was ein Mensch erlebt, der nicht sehen kann. Ein blinder Mensch. Eigentlich ist das Café Blind Date wie jedes andere Café. Die Besucher bekommen kleine Snacks und können sich etwas zu trinken bestellen. Einziger Unterschied: Es ist stockdunkel. Wer wissen möchte, was auf seinem Teller liegt, muss die Kostprobe machen. Es sind drei Gebäckstücke. Das eine Stück ist süß und krümelig: ein Streuselkuchen. Die anderen beiden Teile sind salzig: eine Brezel und vielleicht ein Laugenbrötchen? Obwohl nur zwölf Menschen in dem Café sitzen, ist es sehr laut. „Sobald der eine Sinn ausgeschaltet ist, fangen die meisten an, zu laut und zu viel zu reden“, weiß Frederik Merkt. Er ist Referent für die Behindertenarbeit der Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg in der Diözese Würzburg. Das Café Blind Date war ihre Idee. Es soll die Gelegenheit bieten, sich mit dem Thema Blindheit und Sehbehinderung auseinanderzusetzen.

In dem Café können sich Sehende für eine kurze Zeit in die Welt der Blinden begeben und mit Betroffenen ins Gespräch kommen Drei Sehbehinderte geleiten die Kinder heute zu ihrem Platz und übernehmen den Job der Kellner. Am Tisch stellen sie sich den vielen Fragen der Kinder. Wie könnt ihr die Uhr lesen? Könnt ihr überhaupt E-Mails lesen? „Vieles funktioniert heute über zusätzliche Sprachfunktionen. Es gibt sprechende Uhren, sprechende Computer oder sprechende Küchenwaagen“, antwortet Jutta Neddermeyer. Sie ist 54 Jahre alt und vollständig blind. Im Dunkelcafé arbeitet sie ehrenamtlich und will damit helfen, Vorbehalte und Berührungsängste gegenüber Blinden aus der Welt zu schaffen. Die Auseinandersetzung mit dem Thema Blindheit ist wichtig – persönlich und gesellschaftlich. In den letzten Jahren stieg die Zahl der Sehbehinderten und Blinden in Europa stetig an. In Deutschland gibt es heute geschätzte 500 000 Sehbehinderte und Blinde. Das liegt vor allem daran, dass die Menschen immer älter werden. Doch durch Unfall, Krankheit oder Medikamentenunverträglichkeit kann jeder von heute auf morgen erblinden.

Diese Erfahrung musste auch Jutta Neddermeyer machen. Nach einer Antibiotikabehandlung entzündeten sich ihre Augen und sie erblindete innerhalb von drei Wochen. Das ist jetzt 16 Jahre her und Jutta Neddermeyer hat sich mit ihrem Schicksal gut arrangiert. Denn trotz der vielen Hindernisse, die sich für Blinde und Sehbehinderte im Alltag auftun, sie sind nicht hilflos. Zu Hause bei Jutta Neddermeyer: Auf dem Schreibtisch steht ihr Computer, daneben ein Scanner und eine Tastatur. Es gibt auch einen Bildschirm, aber der ist ausgeschaltet. Sie braucht ihn eigentlich nicht. Immer wieder meldet sich eine technische Männerstimme, die die eingehenden E-Mails vorliest. Die Stimme spricht sehr schnell und monoton. Der Sinn der Worte ist in dem Tempo kaum zu erfassen. „Aber das ist nur eine Frage der Gewöhnung“, erklärt sie. Am unteren Rand der Tastatur befindet sich eine Braillezeile – eine Zeile, in der der Bildschirminhalt in die Punktschrift für Blinde übersetzt wird. Doch das Lesen mit den Fingern geht langsam. „Wie bei einem Zweitklässler“, erläutert die blinde Frau. Jeder Buchstabe muss einzeln gelesen werden. Briefe, Dokumente und Bücher scannt sie ein und lässt sie sich vom Computer vorlesen. Der PC ist Jutta Neddermeyers wichtigstes Hilfsmittel für ein selbstständiges Leben.

Den Umgang mit der modernen Technik, das Lesen der Blindenschrift und das Gehen mit dem Blindenstock hat sie in Veitshöchheim gelernt. Zwei Jahre nach der Entzündung ihrer Augen bekam sie über das Arbeitsamt einen Platz im Berufsförderungswerk (BFW) in dem kleinen Ort bei Würzburg. Das BFW Würzburg ist eines von bundesweit drei Berufsförderungswerken für blinde und sehbehinderte Menschen. Die Bildungszentren haben die Aufgabe, sehbehinderte und blinde Erwachsene zurück in den Beruf zu führen. „Wir tun alles, um unsere Teilnehmer davon zu überzeugen, dass ein selbstständiges Leben, und die Rückkehr ins Berufsleben, trotz Sehhandicap möglich ist“, erklärt Alfred Schulz, Geschäftsführer des BFW Würzburg. In einer meist zwei- bis dreijährigen Ausbildung lernen die über 200 Teilnehmer die Brailleschrift und trainieren den Umgang mit dem Langstock. Der Schwerpunkt der Ausbildung liegt aber auf der beruflichen Integration, sei es durch die Rückkehr zum ursprünglichen Arbeitgeber oder durch eine Umschulung in einem neuen Berufsfeld. Je nach Sehvermögen reicht das Angebot vom Zerspanungsmechaniker bis hin zu Verwaltungsberufen.

Über 70 Prozent der BFW-Absolventen finden nach der Ausbildung wieder eine Anstellung. Um diese Quote zu erreichen, muss das BFW bei den Arbeitgebern viel Überzeugungsarbeit leisten. Jutta Neddermeyer hat im BFW eine Umschulung zur Fachkraft für Telefonmarketing absolviert und anschließend vier Jahre in einer Unternehmensberatung gearbeitet. Dann wurde das Büro geschlossen. Seitdem hilft sie im Café Blind Date und hat auch ohne festen Job alle Hände voll zu tun. Vor eineinhalb Jahren ist ihr Bruder gestorben. Seitdem lebt ihr 19-jähriger Neffe bei ihr. Sie kümmert sich um ihn und hat ihm eine Lehrstelle besorgt. Gerade sind sie in eine neue Wohnung umgezogen. Das Zusammenleben funktioniert gut, nur das Einkaufen wird manchmal zum Problem. „Zum Einkaufen muss er mich begleiten, er hat aber keinen Bock dazu. Ich bin ihm zu langsam“, erzählt sie lachend. Doch da müssen beide durch. „Geht nicht, gibt’s nicht!“ Das ist ihr Lebensmotto.



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