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Herzlich willkommen im Berufsförderungswerk Würzburg

Pressemeldungen

Berichte aus dem BFW Würzburg

Die blecherne Stimme weist den Weg
iPhone als Helfer für Blinde und Sehbehinderte
www.mainpost.de

Mit geübten Fingern scannt Ronny Pscheidt mit seinem I-Phone einen kleinen QR-Code auf dem Türschild. Er steht vor dem Zimmer der Service-Mitarbeiter. Seinen Langstock hat er sich unter den Arm geklemmt. Nach einem routinierten Fingerstrich über das Display des I-Phones ertönt eine blecherne, monotone und nicht sehr freundliche Stimme: „Sie befinden sich vor dem Service, Raumnummer 0104.“

Ronny Pscheidt beim Testen der QR-Codes

Mobilitätstraining mit dem iPhone

Der Klang ist Pscheidt egal, viel wichtiger ist für ihn die Information: Der 34-Jährige sieht fast nichts mehr. Die Netzhaut seiner Augen löst sich auf, der junge Mann hat noch eine Sehleistung von etwa vier Prozent. Ab einer Sehleistung von zwei Prozent gilt man in Deutschland als blind. Seine Netzhautdegeneration hat Ronny Pscheidt geerbt. Ein Gendefekt.

Die blecherne Stimme verrät ihm nicht nur, wo er sich gerade befindet. Er erfährt auch, wer an diesem Tag Dienst im Service leistet, dass die Stelle rund um die Uhr besetzt ist und dass man vor dem Eintreten bitte anklopfen möge. Wichtige Hinweise für jemanden, der kaum noch etwas sieht.

Wir sind im Berufsförderungswerk (BFW) Würzburg in Veitshöchheim, das sich auf die Ausbildung von Blinden und Sehbehinderten spezialisiert hat. Hier entwickelte die Arbeitsgruppe "BFW mobile" des Berufsförderungswerks das Pilotprojekt mit den QR-Codes. Ziel des Projekts: Die Mobilität, Orientierung und Selbstständigkeit von blinden Menschen zu fördern. Und hier lernt Ronny Pscheidt auch gerade die Blindenschrift, jene revolutionäre Punktschrift des Franzosen Louis Braille, die die Blinden und stark Sehbehinderten mit den Fingerspitzen ertasten. Im BFW wird der 34-Jährige wieder fit gemacht für einen neuen Beruf, bei Pscheidt vermutlich eine Qualifizierung im IT-Bereich.

„Das kann der IT-Kaufmann oder der Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung sein“, erklärt Marcus Meier, zuständig für PR und Marketing am BFW. Beide Berufe können am PC mit einer Braille-Zeile ausgeübt werden und – beide Berufe haben Zukunft.

Ronny Pscheidt war bereits 15 Jahre als Kaufmann im Einzelhandel tätig, irgendwann ging das nicht mehr. Aber der verheiratete Mann und Vater zweier Kinder will wieder arbeiten. Er will endlich wieder sagen können: „Das habe ich allein geschafft.“ Die Chancen stehen gut für den 34-Jährigen: Über 70 Prozent der rund 200 BFW-Absolventen gelingt der Wiedereinstieg ins Berufsleben.

Um sich im täglichen Leben zurechtzufinden ist das I-Phone für Pscheidt ein unentbehrlicher Helfer geworden. „Das Gesamtpaket macht es aus“, sagt der freundliche Mann, denn mit dem Telefon kann er nicht nur QR-Codes scannen. Pscheidt hat diverse Apps auf seinem I-Phone installiert, die zum Teil speziell für Blinde konzipiert wurden und sich ergänzen. TomTom und Navigon, Navigations-Programme, die jeder Autofahrer kennt, können auch von Blinden und Sehbehinderten genutzt werden. „Und das Tolle daran“, freut sich Hellmuth Platz, Rehabilitations- und EDV-Lehrer am BFW in Veitshöchheim, „die VoiceOver-Funktion ist beim I-Phone bereits integriert.“ VoiceOver ist die für Blinde entscheidende Funktion. Sie wandelt die grafische Oberfläche des iPhones in Sprache um und sorgt dafür, dass auch Blinde das iPhone einsetzen können.

Platz ist begeistert, wenn seine Schüler Smartphones als Hilfsmittel nutzen, „denn sie erweitern die Möglichkeiten des Mobilitätstrainings erheblich“. Mit Hilfe der Apps könnten Sehbehinderte ihre Route im Vorfeld planen, Kartenmaterial könne ihnen akustisch erfahrbar gemacht werden, so Platz.

Die Sehbehinderten seien aber auch in der Lage, sich über ihre Umgebung zu informieren. Mit Blind-Square, ein speziell für Blinde entwickelten App, die Daten aus der bekannten Four-Square App bezieht, können sich Blinde zum Beispiel die Bewertung eines Restaurants anhören. Bei Blind-Square kann man einen gewünschten Radius einstellen und zwischen verschiedenen Kategorien wählen: Geschäfte, Nachtleben, Bildungseinrichtungen, Restaurants.

Blinde und Sehbehinderte können auch Zielpunkte auf einer Route festlegen, deren Entfernung und Richtung in Intervallen angesagt werden - Orientierung ist für Blinde und Sehbehinderte alles. Beim Laufen werden sie regelmäßig auf interessante Punkte hingewiesen: „Metzgerei in zwanzig Metern auf elf Uhr.“ Das wichtigste aber: Blinde und Sehbehinderte können immer ihre aktuelle Position abfragen und diese im Notfall per SMS oder E-Mail versenden. „Das ist psychologisch ein ganz wichtiger Aspekt“, sagt Platz, „denn dadurch verlieren blinde Menschen ihre Angst, wenn sie allein unterwegs sind.“

Nichts desto trotz bleiben die Applikationen ein Hilfsmittel und können keinesfalls das grundlegende Mobilitätstraining eines Blinden ersetzen. Apps warnen nicht vor Hindernissen oder Treppen. Der Umgang mit dem sogenannten Langstock muss lange trainiert werden, um sich verlässlich orientieren zu können. Dennoch kommt es aus der Erfahrung von Platz schon mal vor, dass ein Blinder mit seinem Langstock an einer Straßenecke falsch abbiegt. Sofort ginge die Orientierung verloren und dann sind die Apps des Smartphones wieder hilfreich „und können Ängste und Unsicherheiten der Blinden zumindest verringern“, so der Mobilitätslehrer. Ronny Pscheidt bestätigt das: „Durch das I-Phone habe ich in fremden Städten keine Angst mehr.“

Das Bedienen des Smartphones funktioniert bei Blinden etwas anders als bei Sehenden. Es gibt verschiedene Zwischenschritte und Fingergesten, die gelernt werden müssen. Ronny Pscheidt hat es gelernt. Seine Finger gleiten blitzschnell über die virtuelle Tastatur auf dem I-Phone-Bildschirm. Im Handumdrehen hat er seine Zugverbindung nach Hause herausgesucht. Die blecherne Frauenstimme nennt ihm Abfahrtzeit, Reisedauer, Umsteigestationen und die Zeit der Ankunft. Aber auch seine Fahrkarten bucht der Sehbehinderte mit seinem Smartphone.

Das I-Phone als All-Round-Hilfe für Blinde und Sehbehinderte. Das kostet Akkuleistung. „Ja“, lacht Ronny Pscheidt, „da sollte man drauf achten, dass der immer geladen ist.“



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