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Pressemeldungen

Berichte aus dem BFW Würzburg

Der schwere Weg aus der Dunkelheit
Behinderung im Beruf
MÜNCHNER MERKUR 2013-10-30

Blinde und Sehbehinderte fallen am Arbeitsmarkt schnell durchs Raster. Im Regional-Center München werden sie fit für den Einstieg in ein neues Leben gemacht. Peter Ravensberg ist einer von ihnen. Gerade hat er ein Praktikum als Bauleiter in einer Gartenbau-Firma begonnen.

Foto Peter Ravensberg am Arbeitsplatz

Grelle Blitze zuckten in Peter Ravensbergs linkem Auge – da wusste der 56-Jährige: es ist ernst. Hastig packte er seine Reisetasche und nahm ein Taxi zur nächsten Augenklinik. Die Blitze hatte der grauhaarige schlanke Mann vier Jahre zuvor im rechten Auge gesehen – und nicht ernst genommen. Erst am nächsten Morgen, beim Blick in den Spiegel, merkte er, dass etwas anders ist als sonst: Das Bild war verschoben. Er drückte sein linkes Auge zu – und plötzlich war da nichts als Dunkelheit.

Von einem Tag auf den anderen war der Familienvater auf dem rechten Auge fast komplett erblindet. Mit Anfang 50. Die Netzhaut hatte sich abgelöst. Die Ärzte konnten nichts mehr tun. Ein Schock. Immerhin sah Ravensberg auf dem linken Auge noch normal. Sein Leben, sein Beruf, so tröstete er sich, würden ihm nicht entgleiten.

Umso größer war die Panik, als es erneut blitzte. "Auf keinen Fall darf dasselbe mit dem linken Auge passieren!" Dieser eine Gedanke habe ihn auf dem Weg in die Klinik nicht mehr losgelassen.

Doch auch diesmal kommt alle ärztliche Kunst zu spät, die Diagnose wirft Ravensberg aus der Bahn: Ein großer, irreparabler Riss durchzieht seine Netzhaut. Trotz zahlreicher Operationen kann nur ein Bruchteil seiner Sehleistung erhalten bleiben. Seinen Beruf als Bauleiter muss der Münchner aufgeben. Auto fahren, Pläne studieren, Baustellen besichtiRegiogen – Ravensberg muss sich eingestehen, dass er das nicht mehr kann.

Es fällt dem 56-Jährigen nicht leicht, diese Geschichte zu erzählen. Immer wieder stockt er, reibt sich verstohlen die Augen, seine Stimme zittert. "Mittlerweile habe ich akzeptiert, dass es nicht mehr besser wird", sagt er. "Doch der Weg dahin war schwer."

Warum sich die Netzhaut ablöste, weiß Peter Ravensberg nicht. "Ich hatte viel Stress über Jahre hinweg. Andere hätten vielleicht einen Herzinfarkt bekommen. Bei mir hat es die Augen getroffen." Aus einem silbernen Etui nimmt der 56-Jährige eine Zigarette. "Nach außen wirke ich immer stärker als ich bin", sagt er und flüchtet sich in eine Zigarettenpause.

Als er zurückkommt, erzählt Ravensberg von dem, was ihm Hoffnung macht. Davon, wie groß die Chance geworden ist, dass er sein altes Leben und seinen Beruf zurückgewinnen kann. Seit kurzem absolviert der zweifache Vater ein Praktikum in einer Firma für Landschaftsund Gartenbau – seinem alten Tätigkeitsbereich. Vermittelt wurde ihm diese Arbeit vom Regional-Center München, einer Einrichtung des Berufsförderungswerks Würzburg. "Ich hoffe, dass ich nach dem Praktikum übernommen werde", sagt Ravensberg.

Vier Wochen lang haben ihn die Fachleute des Regional-Centers auf dieses Praktikum vorbereitet. Ravensberg lernte mit dem Computerprogramm Excel umzugehen, verbesserte sein Zehn-Finger-Schreiben und bekam Bewerbungstraining. "Jetzt möchte er sich noch besser in das E-Mail-Programm Outlook einarbeiten", erzählt Uschi Johé, die Leiterin der Einrichtung. "Er hat nämlich in seinem Praktikum gemerkt, dass er das braucht."

Gerade werden 17 Blinde und Sehbehinderte in den Räumen an der Lothstraße fortgebildet. Sie alle würden ganz individuell gefördert, betont Uschi Johé: "Die Teilnehmer bekommen Einzelunterricht. Alles ist ganz komplett auf die Bedüfnisse desEinzelnen zugeschnitten." Das Ziel ist immer dasselbe: Den Einstieg in den Beruf zu ermöglichen. Dafür müssen die Betroffenen in der Zentrale in Würzburg an einem Test teilnehmen. "So finden wir heraus, wie belastbar die Teilnehmer sind und wie schwer die Erkrankung tatsächlich ist", erläutert Johé. Der Test deckt zweierlei auf: Die Schwächen der Teilnehmer, die durch gezielte Förderung abgebaut werden sollen, und die Stärken, die sie bei einem Neustart ins Arbeitsleben ausspielen können.

Bei Peter Ravensberg stand schnell fest, dass er zurück in seinen alten Beruf als Bauleiter will – und kann. "Ich hätte auch etwas anderes gemacht, aber so ist es mir natürlich lieber", sagt er, jetzt ohne Zittern in der Stimme. "Es ist mein Glück, dass ich fachlich so hochqualifiziert bin."Eine Spezialkamera, hilft ihm, sich auf der Baustelle zurechtzufinden. Auf dem Bildschirm des Geräts kann er Ausschnitte von Bauplänen und Details seiner Umwelt so stark vergrößern, dass er sie erkennt. "Ich sehe zwar schlecht, aber trotzdem kann ich die Situation vor Ort durch meine Erfahrung einschätzen" sagt Ravensberg und erklärt, was sich in den Wochen im Regional-Center für ihn geändert hat: "Ich weiß jetzt, dass ich acht Stunden arbeiten und aktiv am Leben teilnehmen kann."

von Christina Hertel



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