Sprungnavigation
Von hier aus können Sie direkt zu folgenden Bereichen springen:

Herzlich willkommen im Berufsförderungswerk Würzburg

Pressemeldungen

Berichte aus dem BFW Würzburg

Jeden Tag etwas Neues lernen
Bernhard Siino ist blind und arbeitet als IT-Spezialist
Südkurier 2006-07-05

Zu unserem Gespräch kommt Bernard Siino unerwartet ohne den erklärten Liebling der Abteilung. "Joschi hat von mir hitzefrei bekommen", erklärt er das Fernbleiben seines Labrador-Retrievers, der vor allem von den Kolleginnen verhätschelt wird. Doch auch ohne Unterstützung seines Führhundes bewegt sich Bernard Siino sicher durch das oberste Stockwerk seines Arbeitgebers Isgus.

Foto Bernhard Siino

Seit sieben Jahren arbeitet er als IT-Spezialist für das Schwenninger Unternehmen, das sich auf Zeitmanagementlösungen spezialisiert hat. "In gewohnter Umgebung kommt man auch ohne Hund gut klar", erläutert er. "Schließlich kenne ich meine Abteilung aus Zeiten, als ich noch alles sehen konnte..."

Vor seiner Anstellung bei dem Traditionsunternehmen arbeitet der gelernte Rundfunktechniker als Multimediaspezialist in verschiedenen Unternehmen der Region, bevor ihn ein Headhunter 1999 zu Isgus lotst. Dort kümmert er sich seitdem als Systemintegrator und Projektbegleiter vorwiegend darum, dass die verschiedenen Isgus-Produkte mit der Hard- und Software des Kunden optimal harmonieren. 2002 verabschiedet sich der IT-Fachmann für eine reine Routine-Operation von seinen Kollegen. Aus den geplanten wenigen Tagen werden mehr als zwei Jahre.

Sehstörung nach Routineoperation

Nach dem nicht komplikationsfreien Eingriff am Becken leidet er unter täglich zunehmenden Sehstörungen und enormen Kopfschmerzen. Erst die Ärzte der Freiburger Uniklinik erkennen nach Wochen, dass der Sehnerv aufgrund des erhöhten Hirndrucks stark geschädigt wurde. "Dort hat man sich sofort sämtliche Beine für mich ausgerissen" lobt Bernard Siino die dortigen Fachleute. Mit einer Notoperation normalisieren die Freiburger Spezialisten den Hirndruck. "Die Kopfschmerzen waren schlagartig weg, aber das Augenlicht kam nicht wieder" erinnert er sich an den April 2002.

Mit dem BFW Würzburg zurück in den Job

Neue Perspektiven eröffnen sich nach der medizinischen Rehabilitation Anfang 2003. Der damals 31-Jährige erlernt am Berufsförderungswerk (BFW) Würzburg, einem Bildungszentrum für blinde und sehbehinderte Erwachsene, die Punktschrift und das blindheitsgemäße Arbeiten am PC. Gut ein Jahr büffelt und lebt er im BFW Würzburg, sieht seine Familie nur am Wochenende. "Die Tage waren nicht immer einfach" berichtet er über die Zeit fern der Heimat, die aber doch viel Gutes bringt: "Schließlich habe ich am BFW meine heutige Lebensgefährtin kennengelernt."

In bester Erinnerung hat er vor allem das Mobilitätstraining. "Hier lernt man, wie man als Blinder mit dem Langstock von A nach B kommt" erläutert Bernard Siino. Zudem bekomme man beigebracht, wildfremde Passanten nach dem Weg zu fragen, was ihm anfangs sehr schwer gefallen sei. Als genauso wichtig erachtet er das Erlernen des 10-Finger-Schreibens an der PC-Tastatur und das schnelle Vorankommen an der Braillezeile, auf der Blinde den Bildschirminhalt in Punktschrift ertasten können. "Nachdem ich das drauf hatte, konnte ich mit den BFW-Spezialisten im Einzelunterricht mit Jaws, Microsoft Office und HTML in punkto EDV wieder durchstarten", schwärmt der PC-Freak von den letzten Monaten an dem Bildungszentrum. Mitte 2004 ist er dank der individuellen BFW-Ausbildung wieder fit für die Rückkehr an den alten Arbeitsplatz.

Gutes Zeugnis von Isgus-Vorgesetzten

"Auch wenn es unglaublich klingt, das Aufgabengebiet von Herrn Siino ist praktisch identisch zu dem vor seinem Handicap" betonen Harald Emminger, Leitung Support und Dietmar Wehrle, Leitung Schulung bei Isgus. "Durch sein großes Engagement ist er in Softwarefragen immer auf dem neuesten Stand" loben sie den hohen persönlichen Einsatz und die Kompetenz ihres "alten neuen" Mitarbeiters.

Unterstützung erhalten Siino und seine Vorgesetzten auch von Bruno Kuhn, der im Arbeitsmarktservice (AMS) des BFW Würzburg arbeitet. "Durch das ruhende Arbeitsverhältnis war es nicht allzu schwer, den Arbeitgeber von den nach wie vor vorhandenen Qualitäten Herrn Siinos zu überzeugen" erinnert er sich. "Der Erfolg gibt ihm und uns Recht" freut er sich mit dem ehemaligen BFW-Absolventen über das berufliche Happy End. Kuhn und seine Kollegen betreuen die Rehabilitanden des BFW Würzburg bei der Jobsuche. "Das geht von Bad Reichenhall tief im Süden bis nach Flensburg hoch im Norden" betont der 47-Jährige. Ziel ist es stets, den bestehenden Arbeitsplatz zu erhalten oder neue Stellen aufzutun. Mit Erfolg: Mehr als 70 % der Absolventen finden nach ihrer BFW-Zeit wieder eine feste Anstellung.

Jeden Tag etwas Neues lernen

"Mein Ziel ist es, jeden Tag etwas Neues zu lernen" fasst Bernard Siino sein "Erfolgsrezept" zusammen. Sein Motto: Im Beruf mit Leistung überzeugen und sich im Alltag die Selbstständigkeit bewahren. Vielleicht können auch wir uns etwas von Bernard Siino abschauen: zum Beispiel, dass Blinde ihren Job genauso gut machen wie Menschen ohne Sehbehinderung.



zurück zur Übersicht Pressemeldungen