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Pressemeldungen

Berichte aus dem BFW Würzburg

Warum Zidanes Aussehen völlig unwichtig ist
Thomas Horn ist blind und verfolgt die WM am liebsten im Fernsehen
MAIN-POST 2006-007-05

Würzburg - (Marcus Meier) - Thomas Horns Lieblingsmannschaft ist leider schon ausgeschieden. "Die Elf aus Ghana ist sympathisch aufgetreten, hat technisch beschlagene Spieler und ist nicht in takti-scher Routine erstarrt" resümiert er den respektablen Auftritt der Afrikaner. "Schade, dass gegen Brasilien schon Schluss war für die Jungs. Jetzt drücke ich dem deutschen Team die Daumen, weil es am meisten Leidenschaft zeigt!". Was man beim gemeinsamen Fachsimpeln mit Thomas Horn schnell vergisst: der 27-Jährige ist blind und holt sich die Informationen über die WM via Radio, Internet und Gespräche mit befreundeten Fußballfans.

Foto Thomas Horn beim Torball

Thomas Horn informiert sich beim BFW-Torball-Turnier über die nächsten Begegnungen. "Am liebsten verfolge ich die WM-Spiele am Fernseher, denn dort bekommt man die Atmosphäre wesentlich besser mit als im Rundfunk" erläutert der gebürtige Hanauer. Das Radio sei bes-ser, wenn man den genauen Spielverlauf wissen möchte oder sich für Hintergrundinformationen zu den Begegnungen interessiere. Bei den Schilderungen der Reporter kann es gut passieren, das sich der angehende Informatikkaufmann, der zur Zeit am Berufsförderungswerk (BFW) Würzburg ausgebildet wird, auch mal über "das Gequatsche" ärgert. "Mich interessiert das Spiel und nicht das Privatleben der Akteure" bringt er seine Kritik auf den Punkt. Außerdem fände er es "jammerschade", dass die Rundfunkleute "viel zu wenig Emotionen" rüberbringen: "Das ist es doch, was den Fußball interessant macht!" Horn begeistert das fußballerische Können und die Übersicht eines Zinedine Zidane, dessen Aussehen ist ihm dagegen ziemlich egal.

Die uneingeschränkte Begeisterung für den Ball wird Thomas Horn von Kindheit an in die Wiege gelegt. Obwohl sein Sehvermögen schon als Dreijähriger nach einem Unfall immer schlechter wird und er mit 15 Jahren erblindet, ist er bereits als Knirps immer mit Ball unterwegs. "Unsere ganze Familie ist sportbegeistert, das ging ganz automatisch auf mich über", erläutert der eingefleischte Fan des FC Bayern München und ergänzt: "Bei den Bayern im Stadion war ich erst zwei Mal, denn die Atmosphäre bei den Eishockey-Cracks der Frankfurt Lions ist unübertroffen". Dort kann man ihn regelmäßig in Fanmontur auf den Rängen antreffen.

Ganz klar, dass der Sportfreak auch selbst eine Ballsportart betreibt: Seit rund 14 Jahren spielt er aktiv Torball und brachte es in Veitshöchheim beim jüngsten BFW-Turnier mit seinem Team zum Vizemeister. Beim Torball treten je drei Spieler pro Team gegeneinander an, wegen unterschiedlicher Sehbehinderungsgrade tragen dabei alle Spieler einheitlich Augenbinden. "Es geht im Wesentlichen darum, einen mit einer integrierten Glocke versehenen Ball ins gegnerische Tor zu werfen. Die drei gegnerischen Spieler nehmen den anrollenden Ball akustisch wahr und hechten wie Torhüter nach dem Ball. Mir macht das Riesenspaß", verdeutlicht Horn.

Einen ganz anderen WM-Favoriten als Thomas Horn hat der aus Apulien stammende Romeo Camposeo, der am BFW Würzburg derzeit eine Umschulung zum Industriefachwerker absolviert. Der sehbehinderte 34-Jährige ist Tifoso, also ein glühender Anhänger der italienischen Elf. "Toll war das Spiel der Squadra Azzura bisher nicht", gibt er zu. "Aber wir steigern uns, schlagen Deutschland im Halbfinale und werden Weltmeister", zeigt er sich optimistisch bezüglich der Formkurve von Totti & Co. Die Spiele der Italiener kann er trotz Sehbehinderung weitgehend problemlos am TV-Gerät verfolgen - mit Fahne und Perücke in den italienischen Nationalfarben, versteht sich. "Falls ich etwas einmal nicht genau gesehen habe, gehe ich bei der Wiederholung in Zeitlupe einfach ganz nah an den Bildschirm" verrät er sein Rezept, um ja nichts zu verpassen.

Die Daumen für die französische Mannschaft drückt der Lyoner Guy Frachet, einer von drei Mobilitätslehrern, die im in Veitshöchheim gelegenen BFW blinde und hochgradig sehbehinderte Klienten am Langstock ausbilden und so fit für den Alltag machen. "In Frankreich gibt es sogar einen blinden Rundfunkreporter, der seine Eindrücke vom Stadion und der gerade vorherrschenden Stimmung sehr lebhaft schildert und bei uns Kultcharakter besitzt", weiß der 59-Jährige aus seinem Heimatland zu berichten.

Thomas Horn freut sich nun auf die Endphase der WM und setzt auf spannende Spiele, die hoffentlich auch endlich die Reporter inspirieren. "Schade, dass Werner Hansch nicht als Kommentator dabei ist", bedauert er abschließend. "Wenn der von einem 'geilen Tor' spricht, kann man sich wenigstens was drunter vorstellen!"



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